Leben und altern - gelingend altern mit Lebensfreude

Kennst du Menschen, die im Ruhestand gestresster wirken als vorher im Beruf? Der Kalender voll, ständig unterwegs, für alle da – und abends trotzdem das Gefühl, nichts vom Tag gehabt zu haben. Und dann gibt es die anderen: Sie machen sichtbar weniger, wirken aber zufriedener, präsenter, irgendwie reicher.

Das ist kein Zufall. Es ist der erste und wichtigste Schritt der Strategie, die ich dir im Beitrag Glücklich alt werden vorgestellt habe: das bewusste Auswählen. Heute schauen wir uns an, wie das konkret geht.

Kurz gesagt: Wer ab 60 zufrieden ist, macht meist nicht mehr – sondern bewusst weniger. Die Altersforschung nennt das den ersten Schritt gelingenden Alterns: Statt die Kraft mit der Gießkanne zu verteilen, fließt sie gezielt in das, was wirklich zählt. Die Faustregel dafür ist die 3-Ziele-Regel: höchstens drei Dinge, die in dieser Lebensphase Vorrang haben. Mit dem Energie-Inventar findest du in einer Viertelstunde heraus, welche das bei dir sind.

Warum Weniger plötzlich Mehr ist

Mit 35 konnte man vieles gleichzeitig stemmen: Beruf, Familie, Ehrenamt, drei Hobbys. Die Kraft schien unendlich. Ab 60 merken die meisten: Zeit und Energie sind kostbarer geworden – nicht weg, aber endlich. Das ist keine schlechte Nachricht. Es ist eine Einladung, ehrlicher zu wählen.

Ein Buchtipp gleich vorweg, falls dich das Prinzip packt: Essentialismus von Greg McKeown* ist die ausführliche Fassung dieses Gedankens.

Denn hier liegt der Denkfehler vieler: Sie versuchen, das Leben von früher einfach weiterzuführen, nur eben mit weniger Kraft. Das Ergebnis ist Erschöpfung auf allen Feldern. Die Zufriedenen machen es anders: Sie verteilen ihre Energie nicht mehr mit der Gießkanne, sondern gießen gezielt die Blumen, die ihnen am wichtigsten sind. Die blühen dann auch wirklich.

Wählst du – oder wirst du gewählt?

Die Forschung unterscheidet zwei Arten des Auswählens, und der Unterschied ist im Alltag riesig:

Du wählst freiwillig: Du entscheidest in Ruhe, was dir wichtig ist, und lässt den Rest bewusst los. Das fühlt sich nach Freiheit an – weil es Freiheit ist.

Das Leben wählt für dich: Du machst weiter wie immer, bis Körper oder Umstände dich zwingen, etwas aufzugeben. Das fühlt sich nach Verlust an – und nagt am Selbstwert.

Dieselbe Entscheidung, zwei völlig verschiedene Gefühle. Deshalb mein wichtigster Rat in diesem Beitrag: Wähle, bevor gewählt wird. Wer selbst bestimmt, was er weglässt, behält das Steuer in der Hand.

Die 3-Ziele-Regel: Worauf es jetzt ankommt

Aber wie viel ist „weniger“? Eine bewährte Faustregel aus der Praxis: höchstens drei Dinge, die in dieser Lebensphase echten Vorrang haben. Drei Lebensbereiche oder Herzensprojekte, in die deine beste Kraft fließt – zum Beispiel: die Enkelkinder, der Garten, das Ehrenamt im Verein. Oder: die Gesundheit, das Reisen, die alte Freundin in Hamburg.

Drei klingt wenig? Genau das ist der Punkt. Wer fünf oder acht Prioritäten hat, hat in Wahrheit keine. Bei dreien dagegen weißt du an jedem Morgen, wofür du aufstehst – und kannst zu allem anderen mit gutem Gewissen freundlich Nein sagen. Alles Übrige darf weiter stattfinden, aber es bekommt nur noch die übrige Kraft, nicht mehr die beste.

Übung: Dein Energie-Inventar (15 Minuten)

So findest du deine drei Ziele. Nimm Zettel und Stift:

1. Alles auflisten. Schreib untereinander auf, womit du deine Wochen verbringst – Verpflichtungen, Hobbys, Ämter, regelmäßige Treffen, Haushaltsaufgaben. Ehrlich und vollständig.

2. Zwei Spalten bewerten. Mach hinter jeden Punkt zwei Zeichen: ein Plus, wenn die Sache dir Kraft und Freude gibt – ein Minus, wenn sie vor allem Kraft kostet. Manches bekommt beides.

3. Die Schlüsselfrage stellen. Schau auf alles mit Minus und frag dich: „Würde ich das heute noch einmal neu anfangen?“ Wenn nein – warum führst du es dann weiter?

Was übrig bleibt, wenn du streichst, was nur noch aus Gewohnheit oder Pflichtgefühl läuft, sind fast immer genau die drei bis fünf Dinge, die dein Leben tragen. Das sind deine Ziele.

Aber ist Aufhören nicht Aufgeben?

Das ist der Einwand, der die meisten zurückhält – und er verwechselt zwei Dinge. Aufgeben heißt: etwas verlieren, das man behalten wollte. Auswählen heißt: etwas hergeben, um Wichtigeres zu gewinnen. Der Pianist Arthur Rubinstein hat sein Repertoire im Alter bewusst verkleinert – und gerade dadurch bis fast 90 auf Weltklasse-Niveau gespielt. Niemand würde sagen, er habe aufgegeben.

Wer diesen Gedanken vertiefen möchte: Das Buch „Essentialismus – Die konsequente Suche nach Weniger“* von Greg McKeown ist dazu ein moderner Klassiker – kein Alters-Buch, sondern ein Lebens-Buch, das erstaunlich gut zu dieser Lebensphase passt.


Weniger Termine, mehr Leben

Was ich an diesem ersten Schritt so mag: Er kostet nichts, braucht keine Vorbereitung und wirkt sofort. Schon das Energie-Inventar verändert den Blick – viele entdecken dabei, wie viel ihrer Kraft seit Jahren in Dinge fließt, die ihnen nichts mehr bedeuten. Und wie viel frei wird, wenn man sie ziehen lässt.

Mach das Beste draus: Wähle deine drei Blumen und gieße sie gut. Wie du dann an den wichtigen Dingen dranbleibst, liest du in Dranbleiben ab 60 – und wenn dir das Loslassen von Dingen (nicht nur Terminen) schwerfällt, hilft dir Loslassen lernen.

Daten dazu, womit Menschen in der zweiten Lebenshälfte ihre Zeit verbringen, liefert der Deutsche Alterssurvey.

Genieß dein Leben. Du hast nur eins.

Marlis

Wer schreibt hier?

Ich bin Marlis Schorcht und ich schreibe hier über das, was viele lieber verdrängen: dass wir älter werden. Nicht irgendwann, sondern jetzt, jeden Tag.

Warum ich das tue:
Weil Altern keine Krankheit ist, die man bekämpfen muss, sondern eine Lebensphase, die man gestalten kann. Bewusst, selbstbestimmt, ohne Angst.

Auf Leben-und-Altern.de schreibe ich über das Leben nach der Arbeit, über Sinn, Gesundheit, Beziehungen, Einsamkeit und Geld. Über die 20 Jahre, über die kaum jemand spricht und darüber, wie man sie mit mehr Lebensqualität, Klarheit und Gelassenheit erleben kann.

Schreib mir gern:
Wenn du Gedanken, Fragen oder Herausforderungen zum Thema hast. Oder wenn du etwas erlebt hast, das anderen Mut machen könnte, etwas, das dich verändert oder weitergebracht hat.

Ich freue mich auf den Austausch: Schreib mir eine e-Mail.

Marlis Schorcht sitzt am Schreibtisch und lächelt in die Kamera
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