Leben und altern - gelingend altern mit Lebensfreude

Es gibt diesen einen Moment, von dem mir Menschen immer wieder erzählen. Der Arzt schaut vom Befund hoch und sagt: „Damit werden Sie leben müssen.“ Das Knie, die Hüfte, die Augen, das Herz – das Etikett ist austauschbar. Der Satz dahinter ist immer derselbe: Etwas, das selbstverständlich war, ist es nicht mehr.

Und ganz leise meldet sich dann eine Frage, die viel größer ist als jedes Gelenk: Wer bin ich, wenn ich das nicht mehr kann? Genau um diese Frage geht es hier. Nicht um Durchhalteparolen – sondern um einen Weg, dich anzupassen, ohne dich selbst zu verlieren.


Warum trifft es so tief, wenn etwas nicht mehr geht?

Von außen wirkt so etwas oft wie eine Kleinigkeit: Gartenarbeit eben, Treppensteigen eben. Für dich fühlt es sich völlig anders an, denn es geht nie nur um die Sache. Der Garten war nie nur Unkrautzupfen, er war dein Werk. Das Laufen war nie nur Bewegung, es war deine Art, den Kopf frei zu bekommen. Wenn so etwas wegbricht, trauern wir nicht um eine Tätigkeit – wir trauern um ein Stück von uns.

Deshalb zuerst das Wichtigste: Diese Trauer ist richtig. Du musst nicht sofort tapfer sein, nicht sofort das Positive sehen. Die Altersforschung – allen voran der Psychologe Paul Baltes, auf dessen Arbeit auch meine drei Schritte zum glücklichen Älterwerden zurückgehen – nennt diesen Vorgang verlustbasierte Auswahl: Das Leben zwingt dich, etwas loszulassen, das du nicht loslassen wolltest. Das ist der härteste Fall von Veränderung. Und trotzdem gilt: Was danach kommt, hast du in der Hand.


Was steckt wirklich hinter dem, was du vermisst?

Wenn du genauer hinschaust, was dir eigentlich fehlt, kommt der Gedanke, der alles dreht: Du bist nicht, was du tust. Du bist, warum du es tust.

Nimm dir einen Zettel und schreib auf, was dir genau fehlt. Nicht „der Garten“ – sondern was der Garten dir gegeben hat. Bei den meisten kommen Dinge heraus wie: etwas mit den eigenen Händen wachsen sehen. Draußen sein. Etwas schön machen. Gebraucht werden. Das sind keine Tätigkeiten – das sind deine Beweggründe. Und Beweggründe sind nicht ans Knie gebunden.


Wie übersetzt du dein Warum in eine neue Form?

Mit drei Fragen, die du dir in einer ruhigen Stunde stellst:

  • Was genau fehlt dir an der Sache? Das Warum hinter dem Was – siehe Zettel.
  • Welche drei anderen Formen könnten dasselbe Warum tragen? Das Hochbeet statt des Bodenbeets. Die Beratung im Kleingartenverein statt der eigenen 600 Quadratmeter. Der Balkon, der zum schönsten der Straße wird.
  • Welche davon probierst du diese Woche aus? Nicht irgendwann. Diese Woche, klein und unfeierlich.

Was dabei herauskommt, ist kein Ersatz zweiter Klasse. Die Frau, die ihren Garten liebte, liebt ihn vom Hochbeet aus genauso – sie hat nur die Form gewechselt, nicht das Herz. Mehr solcher Übersetzungen findest du bei den fünf Tricks zum cleveren Ausgleichen.


Was kannst du tun, damit es nicht weiter bröckelt?

Anpassen heißt nicht aufgeben, was noch da ist – im Gegenteil. Gerade jetzt lohnt es sich, das Vorhandene zu pflegen: Der Berufsverband der Internisten weist darauf hin, dass altersbedingter Muskelabbau oft unterschätzt wird – und sich in jedem Alter bremsen lässt. Wie das konkret geht, steht im Beitrag über Sarkopenie.

Und gib der Woche eine Struktur, die das Neue festhält. Wer einen festen Platz für das Hochbeet, den Spaziergang und die schönen Termine hat, verhandelt nicht jeden Morgen neu mit sich selbst – die Wochenplan-Vorlage nimmt dir diesen ersten Schritt ab.


Der Befund vom Arzt beschreibt dein Knie. Er beschreibt nicht dich. Was dich ausmacht, sucht sich neue Wege, wenn du ihm die Tür aufmachst: das Schaffen, das Draußensein, das Gebrauchtwerden.

Und wenn die Schwere bleibt?

Ein letzter Punkt, weil er wichtig ist: Die Trauer um das, was nicht mehr geht, darf Wochen dauern – sie gehört zum Anpassen dazu wie der Muskelkater zum Training. Aber wenn die Schwere nach Monaten nicht weicht, wenn nichts mehr Freude macht, der Schlaf leidet und du dich immer weiter zurückziehst, dann ist das keine Anpassungsphase mehr, sondern möglicherweise eine Depression – und die ist im Alter genauso behandelbar wie in jedem anderen, nur wird sie seltener erkannt, weil alle sie für „verständlich“ halten. Sprich es beim Hausarzt offen an, mit genau diesen Worten: „Ich komme aus dem Tief nicht heraus.“

Das ist kein Makel im Anpassungsprozess. Es ist der Moment, in dem kluges Ausgleichen bedeutet, sich Verstärkung zu holen – beim Körper tust du das mit dem Hochbeet, bei der Seele mit einem Profi. Dieselbe Logik, dieselbe Würde.

Geniess dein Leben. Du hast nur eins.

Marlis

Wer schreibt hier?

Ich bin Marlis Schorcht und ich schreibe hier über das, was viele lieber verdrängen: dass wir älter werden. Nicht irgendwann, sondern jetzt, jeden Tag.

Warum ich das tue:
Weil Altern keine Krankheit ist, die man bekämpfen muss, sondern eine Lebensphase, die man gestalten kann. Bewusst, selbstbestimmt, ohne Angst.

Auf Leben-und-Altern.de schreibe ich über das Leben nach der Arbeit, über Sinn, Gesundheit, Beziehungen, Einsamkeit und Geld. Über die 20 Jahre, über die kaum jemand spricht und darüber, wie man sie mit mehr Lebensqualität, Klarheit und Gelassenheit erleben kann.

Schreib mir gern:
Wenn du Gedanken, Fragen oder Herausforderungen zum Thema hast. Oder wenn du etwas erlebt hast, das anderen Mut machen könnte, etwas, das dich verändert oder weitergebracht hat.

Ich freue mich auf den Austausch: Schreib mir eine e-Mail.

Marlis Schorcht sitzt am Schreibtisch und lächelt in die Kamera
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