Leben und altern - gelingend altern mit Lebensfreude

Er steht im Regal zwischen den Fotoalben und dem Aktenordner „Haus“: der dicke Leitz-Ordner mit der verblassten Aufschrift „Versicherungen“. Angelegt irgendwann in den Neunzigern, gefüttert über Jahrzehnte, zuletzt geöffnet – wann eigentlich? Beim Abheften der letzten Beitragsrechnung vielleicht. Und genau beim Abbuchen meldet sich neuerdings dieser Gedanke: Zahlen wir das eigentlich immer noch? Und wofür genau?

Die Antwort ist bei den meisten ein Schulterzucken – und das ist teurer, als es klingt. Denn Versicherungen ab 60 folgen einer Logik, die kaum jemandem erzählt wird: Während das halbe Leben darin bestand, Policen dazuzunehmen, ist jetzt die Zeit gekommen, welche abzugeben – und die verbliebenen auf den Stand deines heutigen Lebens zu bringen. Ein einziger Nachmittag mit dem Ordner spart oft mehrere hundert Euro im Jahr. Was bleibt, was geht, wo die Fallstricke liegen und wie der Nachmittag konkret aussieht: alles hier.


Warum darfst du ab 60 Versicherungen aussortieren?

Die Erlaubnis zum Ausmisten kommt aus einer einfachen Beobachtung: Viele Risiken, gegen die du dich einmal versichert hast, existieren schlicht nicht mehr. Die Berufsunfähigkeitsversicherung sichert ein Arbeitseinkommen, das es im Ruhestand nicht mehr gibt. Die Risikolebensversicherung sollte Kinder und Hauskredit absichern – die Kinder stehen längst auf eigenen Beinen, das Haus ist abbezahlt. Die Ausbildungsversicherung der Tochter ist seit ihrem Examen Geschichte. Das ist keine Nachlässigkeit, das ist gelebte Biografie: Der Ordner ist voller Antworten auf Fragen, die das Leben inzwischen anders beantwortet hat.


Welche Versicherungen brauchst du wirklich noch?

Bevor gestrichen wird, sichern wir das Fundament – denn drei Policen sind in jedem Lebensalter unverhandelbar, und bei ihnen geht es nicht um Kündigen, sondern um Können-sie-was:

  • Privathaftpflicht – die wichtigste überhaupt. Ein Moment Unachtsamkeit, ein Sturz eines anderen auf deinem vereisten Gehweg, und es geht um Existenzen. Achte auf eine hohe Deckungssumme und auf die sogenannte Forderungsausfalldeckung – sie springt ein, wenn umgekehrt DIR jemand Schaden zufügt, der selbst nicht versichert ist.
  • Wohngebäude- und Hausratversicherung – fürs Eigentum unverzichtbar. Die beiden Prüffragen: Stimmt die Versicherungssumme noch, oder versicherst du den Hausstand von 1998? Und ist Elementarschutz eingeschlossen? Starkregen und Rückstau treffen längst nicht mehr nur Flussanlieger.
  • Krankenversicherung plus Auslandsreisekranken-Police – Letztere kostet meist unter zwanzig Euro im Jahr, übernimmt im Ernstfall auch den Rücktransport und gehört für alle, die reisen, schlicht dazu. Die gesetzliche Kasse zahlt im Ausland nämlich oft wenig bis nichts.

Einen guten neutralen Überblick, welche Policen wichtig und welche verzichtbar sind, gibt die Verbraucherzentrale – sie berät auf Wunsch auch persönlich, gegen kleines Entgelt und ohne Verkaufsinteresse.


Und welche dürfen raus oder auf den Prüfstand?

Jetzt wird der Nachmittag lukrativ, und wir gehen die Kandidaten einzeln durch. Raus dürfen meistens: die Risikolebensversicherung ohne Restschuld und Versorgungsauftrag. Geräte- und Handyversicherungen – der Schaden ist fast immer billiger als die Beiträge über die Jahre. Die Insassenunfallversicherung im Auto, deren Schutz längst über Haftpflicht und Kasko abgedeckt ist. Doppelte Reiserücktritts-Einzelpolicen, wenn eine Jahrespolice oder die Kreditkarte das schon leistet. Und die Glasbruchversicherung, dieser Klassiker der Neunziger.

Auf den Prüfstand gehören: die private Unfallversicherung – sie kann ab 60 sinnvoll sein, weil das Sturzrisiko steigt, aber lies das Kleingedruckte zu Altersgrenzen und Leistungskürzungen; manche Tarife wandeln sich im Alter still in Schmalspur-Varianten. Die Kapitallebensversicherung kurz vor Ablauf: bitte nicht vorschnell kündigen, das verschenkt oft Geld – auslaufen lassen oder beraten lassen. Und die Kfz-Versicherung sowieso: Wer zehn Jahre nicht verglichen hat, zahlt fast sicher zu viel, zumal sich mit weniger gefahrenen Kilometern die Einstufung verbessern lässt.

Fürs Vergleichen musst du nicht zwölf Anbieter einzeln anschreiben: Ein Versicherungsvergleich mit persönlichem Service* stellt deine bestehenden Policen den aktuellen Konditionen gegenüber – und du entscheidest in Ruhe, was bleibt.


Und was ist mit den Zusatzversicherungen – Zahn, Krankenhaus, Pflege?

Eine Frage taucht beim Ordner-Sichten verlässlich auf: Sollten wir nicht eher etwas DAZU nehmen – für die Zähne, fürs Krankenhaus, für den Pflegefall? Die kurze Einordnung: Das sind keine Pflicht-, sondern Komfort- und Vorsorgeentscheidungen, und sie verdienen jeweils einen eigenen ehrlichen Blick statt eines Schnellschusses am Stapelrand. Gemeinsam ist ihnen dreierlei: Überall gibt es Gesundheitsfragen, überall steigen die Beiträge mit dem Einstiegsalter, und überall gilt – je gesünder und früher, desto sinnvoller.

Als Faustregel für die Reihenfolge: Erst das Fundament aus dem Abschnitt oben sichern und die Streichliste umsetzen – das frei gewordene Geld ist dann das Budget, aus dem sich eine Zusatzversicherung überhaupt erst entspannt bezahlen lässt. Den tiefen Einzel-Check zur Pflegezusatz- und zur Krankenhauszusatzversicherung habe ich in eigenen Beiträgen aufgeschrieben, die in den kommenden Monaten hier im Blog erscheinen.

Welche Spielregeln schützen dich beim Kündigen und Wechseln?

Bevor du den Rotstift ansetzt, vier Regeln, die teure Fehler verhindern. Erstens die eiserne: Kündige nie eine Kranken-, Haftpflicht- oder Gebäudeversicherung, bevor die neue schriftlich bestätigt ist – eine Deckungslücke von einer Woche kann reichen. Zweitens die Fristen: Die meisten Verträge laufen ein Jahr und wollen drei Monate vor Ablauf gekündigt werden; das Ablaufdatum steht im Versicherungsschein. Drittens das Ass im Ärmel: Erhöht ein Versicherer den Beitrag ohne Mehrleistung, hast du ein Sonderkündigungsrecht – die jährliche Beitragsrechnung ist also auch eine Ausstiegstür. Viertens: Bewahre Kündigungsbestätigungen auf, Abbuchungen enden erstaunlich oft erst nach freundlicher Erinnerung.

Falls es unterwegs Streit gibt – etwa weil ein Versicherer eine Kündigung nicht akzeptiert oder im Schadenfall mauert – musst du das nicht schlucken: Beschwerden nimmt neben dem Versicherungsombudsmann auch die Finanzaufsicht BaFin entgegen. Allein der Hinweis darauf sortiert manche Korrespondenz erstaunlich schnell.


Schreibtisch mit Taschenrechner und Unterlagen - Versicherungsordner durchsehen
Foto: Cht Gsml / Unsplash

Wie sieht der Ordner-Nachmittag konkret aus?

Womit wir beim versprochenen Nachmittag wären – so läuft er ab. Koch dir einen Kaffee und mach drei Stapel. Stapel eins: brauche ich, bleibt – hier wandern Haftpflicht, Gebäude, Hausrat und Krankenversicherung hin, jeweils mit der Notiz, wann zuletzt verglichen wurde. Stapel zwei: brauche ich nicht mehr – Kündigungsfrist nachschauen, Termin in den Kalender, fertig. Stapel drei: unklar – das sind die Kandidaten für den Vergleichs-Check* oder die Verbraucherzentrale. Nach zwei Stunden hast du einen schlankeren Ordner, eine Liste mit Kündigungsterminen und sehr wahrscheinlich einen dreistelligen Betrag pro Jahr zurückgewonnen.

Ein Tipp fürs Danach: Leg vorn in den Ordner ein einzelnes Blatt mit allen laufenden Policen, Nummern und Jahresbeiträgen – eine Übersicht, für die dir im Ernstfall auch deine Familie dankbar sein wird. Das Schöne an der ganzen Übung: Es fühlt sich nicht nach Verwaltung an, sondern nach Aufräumen – dasselbe gute Gefühl wie beim Loslassen von Dingen, nur dass es hier jeden Monat Geld aufs Konto spült. Und falls du gerade Schwung hast: Fördertöpfe fürs Wohnen sind der nächste unterschätzte Posten.

Geniess dein Leben. Du hast nur eins.

Marlis

Wer schreibt hier?

Ich bin Marlis Schorcht und ich schreibe hier über das, was viele lieber verdrängen: dass wir älter werden. Nicht irgendwann, sondern jetzt, jeden Tag.

Warum ich das tue:
Weil Altern keine Krankheit ist, die man bekämpfen muss, sondern eine Lebensphase, die man gestalten kann. Bewusst, selbstbestimmt, ohne Angst.

Auf Leben-und-Altern.de schreibe ich über das Leben nach der Arbeit, über Sinn, Gesundheit, Beziehungen, Einsamkeit und Geld. Über die 20 Jahre, über die kaum jemand spricht und darüber, wie man sie mit mehr Lebensqualität, Klarheit und Gelassenheit erleben kann.

Schreib mir gern:
Wenn du Gedanken, Fragen oder Herausforderungen zum Thema hast. Oder wenn du etwas erlebt hast, das anderen Mut machen könnte, etwas, das dich verändert oder weitergebracht hat.

Ich freue mich auf den Austausch: Schreib mir eine e-Mail.

Marlis Schorcht sitzt am Schreibtisch und lächelt in die Kamera
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