Leben und altern - gelingend altern mit Lebensfreude

Die Enkelin zeigt dir zum dritten Mal, wie das mit den Fotos auf dem Handy geht. Du nickst, sie wischt, alles klar. Zwei Tage später sitzt du allein davor – und nichts ist mehr klar. Und irgendwo im Hinterkopf meldet sich dieser Satz: „Das lerne ich nicht mehr.“

Kommt dir das bekannt vor? Dann habe ich heute eine gute Nachricht für dich – und eine überraschende: Das Problem ist nicht dein Gedächtnis. Das Problem ist, wie dir die Sache beigebracht wurde.

Kurz gesagt: Ja, du kannst mit 70 noch etwas völlig Neues lernen – eine Sprache, ein Instrument, das Smartphone, was immer du willst. Das Gehirn bleibt bis ins hohe Alter lernfähig. Der Haken ist ein anderer: Die meisten Erwachsenen lernen mit der Methode eines 20-Jährigen – und scheitern an der Methode, nicht am Kopf. Mit vier einfachen Stufen (anknüpfen, langsamer, wiederholen, anwenden) gelingt es.

Der Irrtum: „Mein Kopf macht nicht mehr mit“

Fangen wir mit der Wissenschaft an, denn die ist eindeutig: Unser Gehirn kann bis ins hohe Alter neue Verbindungen knüpfen – die Forschung nennt das Plastizität, und sie gehört zu den bestbelegten Befunden der Alterswissenschaft. Menschen lernen mit 70 nachweislich neue Sprachen, Instrumente und Fähigkeiten.

Warum fühlt es sich dann oft so zäh an? Weil sich nicht die Lernfähigkeit verabschiedet hat, sondern die Lernweise verändert: Das ältere Gehirn lernt nicht schlechter – es lernt anders. Es braucht mehr Anknüpfungspunkte, kleinere Portionen und mehr Wiederholung. Wer das weiß und berücksichtigt, lernt erstaunlich gut. Wer dagegen lernt wie ein Studienanfänger – schnell, viel auf einmal, unter Druck –, scheitert. Nicht am Alter. An der Methode.

Die Enkelin am Handy macht es übrigens unfreiwillig vor: Sie wischt in ihrem Tempo, zeigt fünf Dinge auf einmal, und du kommst nie zum Selbermachen. Das ist die 20-Jährigen-Methode. Für dich gibt es eine bessere.

Die 4 Stufen, mit denen Lernen ab 60 gelingt

Stufe 1: Anknüpfen. Neues bleibt hängen, wenn es an Bekanntem andockt. Lerne Italienisch über die Gerichte, die du liebst. Verstehe das Smartphone über den Vergleich mit Dingen, die du kennst („Der Startbildschirm ist deine Werkbank, die Apps sind die Werkzeuge“). Frag dich bei allem Neuen zuerst: Woran erinnert mich das?

Stufe 2: Langsamer und kleiner. Nicht eine Stunde pauken, sondern zehn Minuten am Tag. Nicht fünf Funktionen auf einmal, sondern eine – bis sie sitzt. Das ist kein Zugeständnis, sondern der effizienteste Weg: Kleine Portionen wandern zuverlässiger ins Langzeitgedächtnis als große.

Stufe 3: Wiederholen – verteilt, nicht gebündelt. Lieber fünfmal die Woche kurz als einmal lang. Und: Wiederhole am nächsten Tag, was du gestern gelernt hast, bevor du Neues anfängst. Diese verteilte Wiederholung ist der stärkste Lernhebel überhaupt – in jedem Alter.

Stufe 4: Sofort anwenden. Was du nur theoretisch lernst, verschwindet. Was du benutzt, bleibt. Schick der Enkelin noch heute selbst ein Foto. Bestell beim Italiener auf Italienisch, und wenn es nur „Grazie mille“ ist. Anwendung sagt dem Gehirn: Das hier wird gebraucht – speichern!

Dein 4-Wochen-Plan für den Anfang

So setzt du die Stufen konkret um, egal was du lernen willst:

Woche 1: Täglich 10 Minuten, nur Anknüpfen und Schnuppern. Kein Leistungsdruck – du sortierst, woran das Neue bei dir andocken kann.

Woche 2: Täglich 10–15 Minuten, eine kleine Sache pro Tag, jede beginnt mit der Wiederholung von gestern.

Woche 3: Erste echte Anwendung einbauen – etwas Selbstgemachtes, das du jemandem zeigen kannst.

Woche 4: Rhythmus festigen: feste Uhrzeit, fester Ort, kleine Belohnung danach. Ab jetzt trägt dich die Gewohnheit.

Nach vier Wochen hast du nicht nur erste Erfolge – du hast dem Satz „Das lerne ich nicht mehr“ den Boden entzogen. Wie du danach langfristig am Ball bleibst, liest du in Dranbleiben ab 60.

Wo lernst du am besten?

Das hängt von deinem Typ ab. Die Volkshochschule ist günstig, hat Kurse in deinem Tempo und einen unschätzbaren Bonus: Menschen. Gemeinsames Lernen hält bei der Stange und macht aus dem Kurs ein Wochen-Highlight. Lern-Apps (etwa für Sprachen) passen in jede Tageszeit und verzeihen jeden Fehler geduldig – ideal für die täglichen zehn Minuten. Und für vieles reicht ein gutes Buch plus Ausprobieren. Wichtig ist nur eines: Wähle EIN Lernprojekt, nicht drei. Warum, das erkläre ich in Warum zufriedene Menschen ab 60 weniger tun.


Dein Kopf ist bereit. Ist es die Methode auch?

Was mich an diesem Thema begeistert: Jedes Mal, wenn jemand mit 70 etwas Neues lernt, gewinnt er doppelt – die Fähigkeit selbst und den Beweis, dass da noch viel geht. Genau dieses Gefühl hält jung, mehr als jede Tablette. Auch das Lesen tut deinem Kopf übrigens nachweislich gut – mehr dazu in Warum Lesen im Alter das Gehirn jung hält.

Mach das Beste draus: Such dir diese Woche dein Lernprojekt aus, fang mit zehn Minuten an – und gönn dem Satz „Das lerne ich nicht mehr“ einen wohlverdienten Ruhestand.

Die Forschung zur lebenslangen Lernfähigkeit des Gehirns treibt unter anderem die Max-Planck-Gesellschaft voran.

Eine unterschätzte Trainingsform für den lernenden Kopf sind übrigens moderne Gesellschaftsspiele – Regeln lernen, Strategien anpassen, gemeinsam lachen: drei Übungen in einer.

Genieß dein Leben. Du hast nur eins.

Marlis

Wer schreibt hier?

Ich bin Marlis Schorcht und ich schreibe hier über das, was viele lieber verdrängen: dass wir älter werden. Nicht irgendwann, sondern jetzt, jeden Tag.

Warum ich das tue:
Weil Altern keine Krankheit ist, die man bekämpfen muss, sondern eine Lebensphase, die man gestalten kann. Bewusst, selbstbestimmt, ohne Angst.

Auf Leben-und-Altern.de schreibe ich über das Leben nach der Arbeit, über Sinn, Gesundheit, Beziehungen, Einsamkeit und Geld. Über die 20 Jahre, über die kaum jemand spricht und darüber, wie man sie mit mehr Lebensqualität, Klarheit und Gelassenheit erleben kann.

Schreib mir gern:
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Marlis Schorcht sitzt am Schreibtisch und lächelt in die Kamera
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