Jedes Frühjahr schaut die Buchwelt nach Leipzig – und jedes Jahr ist die Preisverleihung der verlässlichste Kompass durch die Flut der Neuerscheinungen. Was die Jury auszeichnet oder nominiert, gehört zum Besten, was gerade geschrieben wird.
Das Schöne dieses Jahrgangs: Auffällig viele der ausgezeichneten Bücher erzählen von langen Leben, von Erinnerung und vom Neuanfang – Themen, die uns ab 60 besonders nah sind. Hier meine zehn Empfehlungen aus Preisträgern und Nominierten.
Warum dieser Preis ein guter Kompass ist
Der Preis der Leipziger Buchmesse wird jedes Frühjahr in drei Kategorien vergeben: Belletristik, Sachbuch und Übersetzung. In diesem Jahr hat die Jury aus 485 eingereichten Werken ausgewählt – was es auf die Liste der Nominierten schafft, hat also schon eine strenge Auslese hinter sich. Für uns Leser heißt das: Hier kann man fast blind zugreifen.
Ein ehrlicher Hinweis: Frische Neuerscheinungen gibt es zunächst nur als Hardcover, meist zwischen 22 und 38 Euro. Wer lieber wartet, bekommt die Taschenbuch-Ausgaben in ein bis zwei Jahren – oder leiht sich die Titel in der Stadtbibliothek aus, die preisgekrönte Bücher fast immer anschafft. Vormerken lohnt sich, denn die Wartelisten sind nach der Messe erfahrungsgemäß lang.
Die Preisträger 2026
1. Katerina Poladjan: „Goldstrand“ – der Belletristik-Preisträger
Eine baufällige Villa in Rom, ein Mann, der sein Leben erzählt: Poladjan verbindet Splitter des alten Europas zu einem heiter-melancholischen Bild der Gegenwart. Ein Lebensrückblick als Roman – genau das richtige Buch für alle, die selbst gern zurück- und nach vorn schauen.
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2. Marie-Janine Calic: „Balkan-Odyssee“ – der Sachbuch-Preisträger
Die Historikerin erzählt von Künstlern und Intellektuellen, die zwischen 1933 und 1941 vor Hitler nach Südosteuropa flohen – berührende Geschichten von Mut und Menschlichkeit, von Elend und Verrat. Geschichtsschreibung, die liest wie ein Roman.
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Nominierte Romane, die sich ab 60 besonders lohnen
3. Norbert Gstrein: „Im ersten Licht“
Ein Jahrhundert-Leben zwischen zwei Weltkriegen, voller Schönheit, Tragik und Widersprüche. Wer gern große Lebensbögen liest – und vielleicht an die Geschichten der eigenen Eltern denkt –, ist hier richtig.
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4. Auður Ava Ólafsdóttir: „Eden“
Eine Sprachwissenschaftlerin beendet ihre akademische Karriere und zieht aufs Land. Ein leiser, kluger Roman über den Neuanfang nach dem Berufsleben – viele Leserinnen und Leser ab 60 dürften sich hier wiederfinden.
5. Elli Unruh: „Fische im Trüben“
Eine untergegangene Welt im ländlichen Kasachstan, atmosphärisch dicht und ganz ohne Sentimentalität erzählt. Besonders berührend für alle, die selbst Wurzeln im Osten haben oder Aussiedler-Geschichten aus der Familie kennen.
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6. András Visky: „Die Aussiedlung“
András und seine Mutter Julia ziehen mit sieben Kindern vier Jahre durch die ostrumänische Steppe – ein Roman über Verbannung, Familie und Überleben, sprachlich und emotional überwältigend. Großes europäisches Erinnerungsbuch.
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7. Anja Kampmann: „Die Wut ist ein heller Stern“
Vom Mut einer Frau in einer Welt, die ihr keinen Platz mehr lassen will. Kraftvoll erzählt – gerade für Leserinnen, die wissen, wie es war, sich als Frau durchsetzen zu müssen.
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8. Helene Bukowski: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“
Die behutsame Annäherung an eine Pianistin und ihr Leben – einfühlsam und literarisch fein. Ein stilles Buch über Erinnern und darüber, was von einem Menschen bleibt.
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9. Anjet Daanje: „Das Lied von Storch und Dromedar“
Ein kaleidoskopisches Epos, inspiriert von Emily Brontë, über die ewige Suche des Menschen nach Stabilität und Sinn. Üppiger Lesestoff für lange Abende – für alle, die richtig eintauchen wollen.
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Und ein wichtiges Sachbuch
10. Ines Geipel: „Landschaft ohne Zeugen“
80 Jahre nach der Befreiung von Buchenwald fragt Geipel, warum die Erinnerung an den Holocaust nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Ein aufrüttelndes Buch für unsere Generation – die letzte, die die Zeitzeugen noch selbst erlebt hat.
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Womit anfangen?
Zum Eintauchen: Goldstrand oder Eden – beide zugänglich und nah an unseren Lebensthemen. Für Geschichtsinteressierte: Balkan-Odyssee oder Die Aussiedlung. Für lange Winterabende: Daanje. Und wer ein Buch verschenken möchte: Ein frisch ausgezeichneter Titel mit persönlicher Widmung ist ein Geschenk mit Gewicht.
Lust auf mehr Lesestoff? In meiner großen Liste findest du 50 lesenswerte Bücher über das Älterwerden, außerdem 10 Bücher für Männer ab 60 und 10 Bücher für Frauen ab 60. Im Oktober schaue ich dann für dich auf die Frankfurter Buchmesse.
Mehr rund ums Lesen und Vorlesen findest du bei der Stiftung Lesen.
Genieß dein Leben. Du hast nur eins.
Marlis


