Fünf Seen, die man vom Stadtrand aus sehen kann. Ein Nationalpark direkt vor der Haustür. Und ein Marktplatz, auf dem man morgens seinen Kaffee trinkt und dabei zusieht, wie die Boote am Hafen rausdieseln. Waren an der Müritz ist einer dieser Orte, die man erst unterschätzt – und dann nicht mehr verlassen will.

In meinem Studium der Integrierten Gerontologie ging es viel um die Frage, was einen guten Wohnort ausmacht – kurze Wege, Mobilität ohne Auto, ein soziales Umfeld, das trägt. Waren erfüllt davon mehr, als ich erwartet hätte. Und das als Kleinstadt mit knapp 21.000 Einwohnern.

Nach Neubrandenburg im ersten Teil meiner Serie „Gut leben an der Ostsee und Seenplatte„ geht es jetzt ans Wasser. In diesem Beitrag schaue ich mir an:

  • Warum es aktive Menschen an die Müritz zieht
  • Was der Nationalpark und die fünf Seen bieten
  • Wie gut die medizinische Versorgung und Infrastruktur sind
  • Was das Leben hier kostet – und ob sich mehr als ein Wochenende lohnt

Warum zieht es aktive Menschen an die Müritz?

Erstmal die Lage. Die Müritz ist mit 117 Quadratkilometern der größte Binnensee Deutschlands. Zum Vergleich: Das ist fast so groß wie der Bodensee, wenn man nur den deutschen Teil nimmt. Und Waren liegt direkt am Nordufer, mit dem Stadthafen als eine Art Wohnzimmer der Stadt.

Aber es sind nicht nur die 117 Quadratkilometer Wasser. Im Stadtgebiet und direkt drumherum liegen noch der Tiefwarensee, der Feisnecksee, der Herrensee und der Melzer See. Fünf Seen, die du zu Fuß oder mit dem Rad erreichst. Ich hab mir das auf der Karte angeschaut und ehrlich gesagt…wer so viel Wasser vor der Haustür hat, braucht eigentlich keinen Swimmingpool.

Dazu kommt: Die Stadt ist kompakt. Altstadt mit historischem Marktplatz und der St.-Georgen-Kirche aus dem 14. Jahrhundert, Fachwerkhäuser, kleine Geschäfte. Alles flach, alles fußläufig. Der Stadthafen mit seinen Restaurants und Cafés ist so etwas wie der natürliche Treffpunkt, und von dort sind es fünf Minuten zum Marktplatz und zehn zum Nationalpark.

Seit 2004 ist Waren offiziell Heilbad. Das klingt erstmal nach Kurhaus und Rollator, aber tatsächlich steckt da etwas Klügeres dahinter: Die Stadt hat gezielt in Gesundheitsinfrastruktur investiert. Terrainkurwege zum Beispiel, also medizinisch definierte Wanderwege mit verschiedenen Steigungsgraden für Herz-Kreislauf-Training. Wandern auf Rezept, sozusagen. Dazu die Müritz-Therme direkt am Tiefwarensee mit Thermalbecken, Saunalandschaft und Außenbecken mit Seeblick. Wer sich an meinen Winterbericht von der Müritz erinnert, weiß: Die Therme lohnt sich auch bei Minusgraden.

Was mir aber am meisten aufgefallen ist: Die Stadt fühlt sich lebendig an. Nicht hip, nicht aufgeregt, sondern auf eine ruhige Art vital. Viele Menschen, die hier leben, sind aktiv, engagiert, draußen unterwegs. Es gibt über hundert Vereine in der Region. Segeln, Rudern, Wandern, Chor, Theater. Du bist hier nicht die Einzige, die mit 65 noch aufs Wasser geht. Im Gegenteil.


Wie ist der Müritz-Nationalpark – und was kann man dort erleben?

322 Quadratkilometer. Der größte terrestrische Nationalpark Deutschlands, gegründet 1990, direkt nach der Wende. Und er beginnt am Stadtrand von Waren. Kein Auto nötig, kein Shuttle, du gehst einfach los.

Das muss man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen: Du wohnst in einer Kleinstadt mit Supermarkt, Ärzten und Cafés, und nach zehn Minuten Fußweg stehst du in einem Nationalpark, der zum UNESCO-Weltnaturerbe gehört. Der Serrahner Buchenwald, ein Teilgebiet des Parks, ist als uralter, unberührter Buchenwald Teil des Weltnaturerbes „Alte Buchenwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“. Die Bäume dort stehen seit Jahrhunderten. Es gibt geführte Ranger-Touren dorthin, und die lohnen sich wirklich.

Für Wanderungen gibt es Routen in allen Schwierigkeitsgraden. Der Rundwanderweg am Feisnecksee ist etwa 8 Kilometer lang, flach, gut befestigt, mit wunderbaren Ausblicken auf den See und Beobachtungsplätzen für Wasservögel. Zwei bis zweieinhalb Stunden, machbar für jeden, der gut zu Fuß ist. Wer mehr will: Der Weg durch den Nationalpark nach Speck führt auf 12 Kilometern durch alte Buchenwälder und an Mooren vorbei, mit Wildbeobachtungsplattformen unterwegs.

Bei der Nationalpark-Information in Federow, etwa 8 Kilometer von Waren, gibt es eine Live-Webcam am Fischadlerhorst. Du sitzt da und schaust einem Fischadler beim Brüten zu. In Echtzeit. Das hat mich länger festgehalten als erwartet.

Und dann die Kraniche. Von September bis Oktober rasten 30.000 bis 50.000 Kraniche an der Müritz. Dreißigtausend bis fünfzigtausend. Die kommen abends zu ihren Schlafplätzen am Südufer eingeflogen, und das ist eines der beeindruckendsten Naturschauspiele, die ich je gesehen habe. Es gibt geführte Abendbeobachtungen während der Kranichwochen. Wer im Herbst an der Müritz ist und das nicht mitnimmt, verpasst etwas.

Die Ranger im Müritz-Nationalpark bieten von April bis Oktober regelmäßig Führungen an: Kraniche, Adler, Fledermäuse, Buchenwälder. Viele davon kostenlos oder für fünf bis zehn Euro. Und im Müritzeum in Waren selbst, dem größten Süßwasseraquarium Deutschlands, bekommst du die ganze Müritz-Welt kompakt erklärt. Das Haus liegt direkt am Herrensee, mitten in der Stadt.


Welche Wasseraktivitäten gibt es auf der Müritz?

Eine ganze Menge. Und ich glaube, hier stellt Waren alle anderen Orte dieser Serie in den Schatten.

Fangen wir mit dem Naheliegenden an: Fahrgastschifffahrt. Vom Stadthafen starten Rundfahrten auf der Müritz, zwei bis drei Stunden, mit Stopps in Röbel oder am Bolter Kanal. Es gibt Sonnenuntergangsfahrten, und ich sage jetzt mal so: Sonnenuntergang auf dem größten Binnensee Deutschlands, vom Schiff aus, das ist kein schlechter Abend.

Wer es aktiver mag: Kajak und Kanu. Mehrere Verleiher sitzen direkt am Stadthafen und an den Badestellen. Auch geführte Touren durch den Nationalpark sind möglich, etwa auf dem Müritz-Havel-Wasserweg. Für Einsteiger gibt es breite, kippstabile Canadier und Sit-on-Top-Kajaks. Eine Halbtagestour kostet etwa 25 bis 40 Euro.

Dann das Segeln. Die Müritz ist eines der beliebtesten Segelreviere Deutschlands, und in Waren gibt es Segelschulen und Schnupperkurse. Wer mit 65 noch Segeln lernen will, wird hier nicht schief angeschaut. Im Gegenteil, genau solche Leute treffen sich hier.

Und dann das Highlight, das ich eigentlich gar nicht erwartet hätte: Hausboot fahren. Ohne Führerschein. In Mecklenburg-Vorpommern kannst du mit einem sogenannten Charterschein ein Hausboot mieten. Die Einweisung dauert drei Stunden, dann darfst du Boote bis 15 PS selbst steuern. Ein schwimmendes Ferienhaus, mit dem du über die Seenplatte tuckern kannst, von See zu See, über Kanäle und Flüsse. Für Paare ist das perfekt. Eine Woche kostet ab etwa 800 Euro für zwei Personen.

Selbst Stand-Up-Paddling gibt es am Stadthafen. Gutes Balance-Training, einsteigerfreundlich und mit Müritz-Panorama. Und wer einfach nur schwimmen will: Die Müritz hat ausgezeichnete Wasserqualität und mehrere öffentliche Badestellen.


Wie ist das Radfahren rund um die Müritz?

Kurze Antwort: hervorragend. Und zwar wegen des Müritz-Radrundwegs.

85 Kilometer einmal komplett um den See. Flach, gut ausgebaut, größtenteils asphaltiert. Bequem in zwei bis drei Tagen machbar, mit Pausen, Einkehr und Fotostopps. Oder sportlich an einem Tag, wenn du das willst. Die Etappen führen von Waren über Röbel und Rechlin durch den Nationalpark und zurück. Unterwegs kommst du an der hübschen Kleinstadt Röbel vorbei, an der historischen Bolter Mühle, an Badestränden und der Nationalpark-Information Federow.

Mit E-Bike ist die Strecke für wirklich jeden machbar. 85 Kilometer klingt viel, aber bei null Steigung und mit elektrischer Unterstützung sind das gemütliche Tagesetappen von 30 bis 40 Kilometern. Auf Komoot findest du die Route mit Einkehrmöglichkeiten und Ladestationen.

Wer kürzere Touren bevorzugt: Rund um Waren gibt es dutzende Rundtouren von 20 bis 40 Kilometern. Zum Tiefwarensee, durch den Nationalpark, nach Klink oder entlang der Elde. Das Terrain ist immer flach bis sanft hügelig, gut beschildert und E-Bike-freundlich. Wer wieder in Bewegung kommen möchte, findet hier ideale Bedingungen, ohne Leistungsdruck und mit Natur, die einen bei Laune hält.


Was kostet das Leben in Waren wirklich?

Jetzt wird es für viele überraschend. So wie in Neubrandenburg sind die Preise auch in Waren weit entfernt von dem, was man aus westdeutschen Städten kennt.

Eine Eigentumswohnung kostet hier etwa 1.500 bis 2.500 Euro pro Quadratmeter, je nach Lage und Zustand. In der Altstadt oder in Hafennähe etwas mehr, in der Südstadt weniger. Zum Vergleich: München liegt bei 8.000 bis 12.000 Euro, Berlin bei 4.000 bis 7.000 Euro. Selbst Rostock ist mit 2.500 bis 4.000 Euro noch deutlich teurer.

Konkret heißt das: Für den Preis einer Berliner Zweizimmerwohnung bekommst du in Waren eine großzügige Wohnung mit Seeblick. Oder ein Haus mit Garten. Ich hab das nachgerechnet und es mehrfach überprüft, weil es fast zu gut klingt.

Mietwohnungen liegen bei etwa 6 bis 9 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete. Eine 3-Zimmer-Wohnung für 450 bis 650 Euro im Monat. In Stuttgart oder Frankfurt wäre das die Miete für ein WG-Zimmer.

Und was bedeutet das praktisch? Deine Rente oder Pension reicht hier weiter. Was in einer teuren Stadt für ein bescheidenes Auskommen reicht, ermöglicht in Waren den Segelkurs, den Thermenbesuch, das Abendessen am Hafen und das Konzert in der St.-Georgen-Kirche. Bezahlbar wohnen und trotzdem richtig gut leben.

Die Infrastruktur passt übrigens auch: Müritz-Klinikum als Schwerpunkt-Krankenhaus, Hausärzte, Fachärzte, Apotheken, zwei Supermärkte, Wochenmarkt. Und mit der Regionalbahn bist du in zwei Stunden in Berlin, in anderthalb Stunden in Rostock, in 45 Minuten in Neubrandenburg.

Ehrlich gesagt, der einzige Haken: Für die Dörfer im Umland brauchst du ein Auto. Der ÖPNV außerhalb der Stadt ist dünn. Aber in Waren selbst kommst du mit dem Rad überall hin.


Was gibt es in Waren zu essen?

Die Müritz-Region ist Fisch-Terrain. Und zwar nicht irgendein aufgetauter Tiefkühl-Pangasius, sondern frischer Süßwasserfisch, der morgens noch im See war.

Die Fischerei Müritz-Plau, die größte Binnenfischerei Europas, liefert an die Restaurants der Region: Zander, Hecht, Barsch, Aal, Maräne. Am Stadthafen sitzen und frisch gebratenen Zander essen, mit Blick auf die Müritz – ich weiß nicht, ob ein Abendessen viel besser werden kann. Ein Hauptgericht kostet hier etwa 15 bis 25 Euro.

Was ich besonders empfehlen kann: Räucherfisch direkt vom Fischer kaufen. Es gibt kleine Fischereien rund um die Müritz, wo du den Aal oder Zander noch warm aus dem Ofen bekommst. Am Ufer stehen, den See sehen und in frischen Räucherfisch beißen – das ist so ein Moment, der sich einbrennt.

Dazu die mecklenburgische Küche: Rippenbraten, Tollatschen, Wild aus dem Nationalpark, regionaler Honig. Auf dem Wochenmarkt am Neuen Markt findest du saisonales Gemüse, frisches Brot, Sanddornprodukte. Der Markt ist nicht groß, aber ehrlich. Und er ist einer dieser Orte, wo man Einheimische trifft, nicht nur Touristen.

Mecklenburg ist kein Gourmet-Hotspot im Michelin-Sinn, das stimmt. Aber die Küche ist regional, saisonal und bezahlbar. Und ich finde das besser als ein überteuertes Tasting-Menü, bei dem man hinterher noch Hunger hat. Findest du nicht auch?


Warum Waren an der Müritz einen zweiten Blick verdient

Es gibt einen Moment, der Waren für mich zusammenfasst. Du sitzt abends am Hafen, das Wasser schimmert, jemand legt mit einem Segelboot an, aus einem Restaurant duftet es nach Fisch, und über allem diese Ruhe, die nicht Stille ist, sondern einfach das Fehlen von Hektik. Und du denkst: Ja. Das könnte es sein.

Waren ist nicht perfekt. Manche Fachärzte haben lange Wartezeiten, der ÖPNV könnte besser sein, und im Winter ist es hier tatsächlich ziemlich ruhig. Aber die Stadt hat etwas, das vielen anderen fehlt: eine klare Identität. Wasser, Natur, aktives Leben, bezahlbare Lebensqualität. Das ist kein Marketing-Slogan, das merkt man, wenn man hier ein paar Tage verbringt.

Falls du gerade darüber nachdenkst, was du eigentlich von dieser Lebensphase willst, dann ist Waren einen ehrlichen Gedanken wert. Nicht als Kompromiss, weil es billiger ist. Sondern weil du hier Nationalpark, Segelboot und Räucherfisch am selben Tag haben kannst, ohne dass irgendjemand ein schickes Auto braucht.

Und selbst wenn Umziehen kein Thema ist: Fahr hin. Ein langes Wochenende, mit dem Rad um den See, Abendessen am Hafen, morgens Yoga auf dem Steg. Oder besser gesagt: einfach Kaffee auf dem Steg. Reicht auch.

Unterkünfte in Waren an der Müritz* findest du ab ca. 60 Euro pro Nacht. Hotels am See, Pensionen in der Altstadt, Ferienwohnungen mit Hafenblick – die Region ist touristisch gut erschlossen, aber nie überlaufen.

Im ersten Teil der Serie ging es nach Neubrandenburg – die Vier-Tore-Stadt mit Konzertkirche und Tollensesee. Im nächsten Teil reisen wir weiter an die Küste: Kühlungsborn. Weiße Villen, die Molli-Bahn und eine Strandpromenade, die nicht aufhört.


Genieß dein Leben. Du hast nur eins.

Marlis

Wer schreibt hier?

Ich bin Marlis Schorcht und ich schreibe hier über das, was viele lieber verdrängen: dass wir älter werden. Nicht irgendwann, sondern jetzt, jeden Tag.

Warum ich das tue:
Weil Altern keine Krankheit ist, die man bekämpfen muss, sondern eine Lebensphase, die man gestalten kann. Bewusst, selbstbestimmt, ohne Angst.

Auf Leben-und-Altern.de schreibe ich über das Leben nach der Arbeit, über Sinn, Gesundheit, Beziehungen, Einsamkeit und Geld. Über die 20 Jahre, über die kaum jemand spricht und darüber, wie man sie mit mehr Lebensqualität, Klarheit und Gelassenheit erleben kann.

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Marlis Schorcht sitzt am Schreibtisch und lächelt in die Kamera
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