Schenken ab 60: Was Menschen wirklich brauchen (und was nicht)

Wenn du dich das nächste Mal fragst, was du jemandem ab 60 schenken sollst – hör auf, nach Deko zu suchen. Denn die Chancen stehen gut, dass die Person schon alles hat. Oder genauer: zu viel.

Eine Studie zeigt nämlich, dass 85% der Menschen, die minimalistisch leben, ein höheres Wohlbefinden berichten. Bei älteren Menschen ist der Effekt noch stärker.

Warum? Weil weniger Besitz nunmal weniger Stress, mehr mentale Klarheit und mehr Zeit für das Wesentliche bedeutet. Und was ist das Wesentliche? Genau: Beziehungen. Erlebnisse. Momente.

Die Forschung zu Geschenken ist eigentlich ziemlich eindeutig: Erlebnisgeschenke stärken Beziehungen messbar stärker als materielle Dinge. Menschen, die ein Erlebnis geschenkt bekommen, fühlen sich dem Schenkenden näher als bei einem materiellen Geschenk.

In diesem Beitrag schauen wir uns an, was die Wissenschaft über Schenken im Alter sagt – und was Menschen ab 60 wirklich brauchen. 

Ich habe BWL und Integrierte Gerontologie studiert und beschäftige ich mich seit Jahren mit der Frage, wie Menschen gut altern. Und Fakt ist: Menschen ab 60 brauchen keine Dinge mehr – sie brauchen Momente.

Wer ausmistet und sich von Besitz trennt, gewinnt an Lebensqualität.

Warum haben ältere Menschen oft schon alles? Die Psychologie des Besitzes

Stell dir vor, du lebst 60, 70 oder 80 Jahre. Das sind Jahrzehnte, in denen sich Dinge ansammeln. Geschenke von Geburtstagen. Erbstücke von Eltern. Souvenirs von Reisen. Deko, die man mal toll fand. Und irgendwann kippt es. Der Besitz wird zur Last.

Eine Studie der University of Tilburg aus dem Jahr 2025 zeigt: Minimalismus ist bei älteren Menschen mit höherem Wohlbefinden verbunden. Warum? Weil weniger Besitz weniger Aufwand beim Putzen und Organisieren bedeutet, weniger mentale Belastung durch Unordnung verursacht und mehr Fokus auf das ermöglicht, was wirklich wichtig ist.

Das ist eigentlich keine neue Erkenntnis. Schon 2021 fanden Forscher heraus, dass Minimalismus Depressionen reduziert und positive Emotionen steigert. Der Effekt ist bei Menschen ab 60 besonders stark. Weil im Alter die Lebenszeit nunmal begrenzt ist. Die Sozioemotionale Selektivitätstheorie erklärt es so: Ältere Menschen wissen, dass ihre Zeit endlich ist. Deshalb priorisieren sie emotionale Erfüllung statt materielle Anhäufung.

Das heißt konkret: Menschen ab 60 wollen keine Dinge mehr. Sie wollen Momente.

Hilft Minimalismus wirklich im Alter? Was die Forschung zeigt

Die Studienlage ist tatsächlich ziemlich eindeutig. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 untersuchte den Zusammenhang zwischen Minimalismus und Wohlbefinden. Das Ergebnis: 85% der Studien fanden eine positive Verbindung zwischen minimalistischem Leben und psychischem Wohlbefinden.

Konkret heißt das: Weniger Besitz bedeutet weniger Stress, denn Unordnung erhöht das Stresshormon Cortisol. Ältere Menschen, die ausmisten, berichten von reduzierter Angst und besserer mentaler Klarheit.

Außerdem entfällt viel Hausarbeit – eine Studie der National Soap and Detergent Association zeigt, dass 40% der Hausarbeit durch Ausmisten eliminiert werden könnten. Und wer nicht mehr ständig Dinge organisiert, hat mehr Zeit für Beziehungen.

Aber es gibt verschiedene Arten von Minimalismus. Und nicht alle wirken gleich stark. Eine Studie aus dem Jahr 2025 unterscheidet zwischen "Few Belongings" Minimalismus (bewusst wenige Besitztümer), "Mindful" Minimalismus (bewusster Konsum) und "Aesthetic" Minimalismus (cleanes Design).

Das Ergebnis: "Few Belongings" und "Mindful" Minimalismus waren mit geringerem ökologischen Fußabdruck, mehr positivem Affekt und höherem Umweltbewusstsein verbunden. "Aesthetic" Minimalismus hingegen zeigte keinen Effekt auf Wohlbefinden.

Das heißt: Es geht nicht darum, wie dein Zuhause aussieht. Es geht darum, wie viel du besitzt und wie bewusst du konsumierst.

Erlebnisgeschenke vs. materielle Geschenke: Was stärkt Beziehungen wirklich?

Jetzt wird's spannend. Forscher der University of Toronto und UCLA haben über mehrere Jahre untersucht, welche Art von Geschenken Beziehungen stärken. Das Ergebnis ist eindeutig: Erlebnisgeschenke stärken Beziehungen messbar stärker als materielle Geschenke. Die Studie, veröffentlicht im Journal of Consumer Research 2017, untersuchte Hunderte von Menschen und ihre Geschenkerfahrungen.

Was sind Erlebnisgeschenke? Konzertkarten, Kochkurse, Reisen, Spa-Besuche, Theatervorstellungen, gemeinsame Zeit beim Kaffee trinken oder Spazierengehen.

Was sind materielle Geschenke? Schmuck, Kleidung, Deko, Bücher, Elektronik.

Die Forscher fanden heraus: Menschen, die ein Erlebnisgeschenk bekamen, fühlten sich dem Schenkenden deutlich näher – und zwar unabhängig davon, ob sie das Erlebnis mit dem Schenkenden teilten oder alleine erlebten. Das ist eigentlich überraschend. Selbst wenn du jemandem Konzertkarten schenkst und die Person alleine hingeht, stärkt das eure Beziehung mehr als ein materielles Geschenk. Warum? Weil Erlebnisse nunmal emotionaler sind. Sie erzeugen Dankbarkeit. Sie bleiben als Erinnerung. Und Erinnerungen wachsen im Wert. Ein Pullover hingegen wird irgendwann langweilig. Wir gewöhnen uns an Dinge. Das nennt sich hedonische Anpassung.

Wie lange macht ein Geschenk glücklich? Intensität vs. Dauer

Aber Moment – materielle Geschenke haben auch einen Vorteil. Eine Studie von Weidman & Dunn aus dem Jahr 2015 zeigt: Materielle Geschenke liefern häufigere, aber weniger intensive Glücksmomente. Erlebnisgeschenke hingegen liefern seltene, aber sehr intensive Glücksmomente.

Konkret: Ein materielles Geschenk wie eine Kaffeemaschine sorgt dafür, dass du dich jeden Morgen ein bisschen freust, wenn du Kaffee machst.

Ein Erlebnisgeschenk wie ein Konzert sorgt für intensive Freude beim Konzert – und dann in Erinnerungen.

Welches ist besser?Das hängt davon ab, was du erreichen willst.

Willst du eine Beziehung stärken? → Erlebnis.

Willst du jemandem alltägliche Freude schenken? → Materielles Geschenk.

Aber für Menschen ab 60, die oft schon genug Alltagsgegenstände haben, ist die Antwort wohl wahr ziemlich klar: Erlebnisse.

Warum profitieren ältere Menschen besonders von Erlebnisgeschenken?

Es gibt tatsächlich noch einen weiteren Grund, warum Erlebnisgeschenke bei älteren Menschen besonders gut ankommen. Eine Studie der UCLA aus dem Jahr 2016 untersuchte, wie sich die Wahrnehmung von Zeit im Alter ändert.

Das Ergebnis: Ältere Menschen, die ihre Zeit als begrenzt wahrnehmen, finden Glück in alltäglichen Erlebnissen – wie einem Kaffee mit einer Freundin, einem Spaziergang im Park, einem Konzert.

Jüngere Menschen hingegen suchen eher außergewöhnliche Erlebnisse wie eine Safari in Afrika oder Fallschirmspringen.

Was heißt das fürs Schenken? Du musst keine Weltreise schenken. Ein gemeinsamer Nachmittag im Museum. Ein Kochkurs. Ein Konzert. Ein Spaziergang mit anschließendem Kaffee. (Hier findest du 100 Geschenkideen für Menschen ab 60.) Das reicht. Warum? Weil soziale Verbindung das ist, was zählt.

Die gleiche Studie zeigte: Menschen, die ihre Zeit mit anderen verbringen, fühlen sich glücklicher als Menschen, die ihre Zeit alleine mit Arbeit verbringen. Und: Menschen, die Zeit als wertvoller erachten als Geld, sind glücklicher – unabhängig davon, wie viel Zeit oder Geld sie haben. Das heißt: Zeit mit jemandem zu verbringen, ist das wertvollste Geschenk.

Was Menschen ab 60 wirklich wollen: Die Bedürfnishierarchie im Alter

Jetzt wird's gerontologisch. Die Sozioemotionale Selektivitätstheorie (Carstensen, 1992) erklärt, warum sich Bedürfnisse im Alter verändern. Junge Menschen haben eine weite Zeitperspektive. Sie denken: "Ich habe noch Jahrzehnte." Deshalb investieren sie in langfristige Ziele: Karriere, Wissen, materielle Sicherheit.

Ältere Menschen haben eine enge Zeitperspektive. Sie wissen: "Meine Zeit ist begrenzt." Deshalb priorisieren sie emotionale Erfüllung: enge Beziehungen, bedeutungsvolle Momente, positive Emotionen, soziale Verbindungen. Das ist eigentlich der Grund, warum ältere Menschen weniger Interesse an neuen Dingen haben – und mehr Interesse an vertrauten Menschen und Erlebnissen.

Schenk also keine Dinge, die Platz wegnehmen. Schenk Zeit, Aufmerksamkeit, Erlebnisse. Ein Besuch, ein gemeinsames Abendessen, ein Spaziergang, ein Konzert, ein Kurs, ein Gespräch. Das sind die Geschenke, die zählen.

Praktische Ideen: Was du statt Deko schenken kannst

Okay, konkret. Was schenkst du also?

1. Gemeinsame Zeit: Kaffee trinken gehen, Spaziergang im Park, gemeinsam kochen, Museum besuchen.

2. Erlebnisse (alleine oder gemeinsam): Konzertkarten, Theaterkarten, Kochkurs, Yoga-Kurs, Massage, Spa-Tag.

3. Unterstützung: Hilfe beim Ausmisten, digitale Unterstützung (Fotos digitalisieren), Gartenarbeit, Reparaturen.

4. Dienstleistungen: Reinigungsservice, Mahlzeitenlieferung, Hörbuch-Abo, Zeitschriften-Abo.

5. Wenn es doch ein Gegenstand sein soll: Verbrauchsgüter (guter Kaffee, Tee, Schokolade), praktische Dinge die genutzt werden (nicht Deko!), Erinnerungen (gerahmtes Foto von einem gemeinsamen Moment).

Insgesamt 100 Geschenkideen habe ich in einem anderen Beitrag gesammelt.

Die Faustregel: Wird es in einem Jahr noch genutzt? Wird es Platz wegnehmen? Wenn ja → überleg nochmal.

Fazit: Schenken ist Beziehungsarbeit – nicht Konsumzwang

Die Forschung ist eigentlich ziemlich eindeutig. Menschen ab 60 brauchen keine Dinge mehr. Sie brauchen Momente, Beziehungen, Zeit. Erlebnisgeschenke stärken Beziehungen messbar stärker als materielle Geschenke. Minimalismus steigert das Wohlbefinden. Und die wertvollste Ressource im Alter ist nicht Geld – sondern Zeit mit Menschen, die man mag.

Also: Das nächste Mal, wenn du ein Geschenk suchst, denk an Erlebnisse, nicht an Gegenstände. Ein gemeinsamer Nachmittag. Ein Konzert. Ein Kurs. Ein Gespräch. Das sind die Geschenke, die bleiben.

Falls du trotzdem nach konkreten Ideen suchst:
Ich habe 100 Geschenkideen für Menschen ab 60 zusammengestellt – mit Fokus auf Erlebnisse, Verbrauchsgüter und praktische Dinge, die wirklich genutzt werden.

Genieß dein Leben. Du hast nur eins.

Viele Grüße,
Marlis

Wer schreibt hier?

Ich bin Marlis Schorcht und ich schreibe hier über das, was viele lieber verdrängen: dass wir älter werden. Nicht irgendwann, sondern jetzt, jeden Tag.

Warum ich das tue:
Weil Altern keine Krankheit ist, die man bekämpfen muss, sondern eine Lebensphase, die man gestalten kann. Bewusst, selbstbestimmt, ohne Angst.

Auf Leben-und-Altern.de schreibe ich über das Leben nach der Arbeit, über Sinn, Gesundheit, Beziehungen, Einsamkeit und Geld. Über die 20 Jahre, über die kaum jemand spricht und darüber, wie man sie mit mehr Lebensqualität, Klarheit und Gelassenheit erleben kann.

Schreib mir gern:
Wenn du Gedanken, Fragen oder Herausforderungen zum Thema hast. Oder wenn du etwas erlebt hast, das anderen Mut machen könnte, etwas, das dich verändert oder weitergebracht hat.

Ich freue mich auf den Austausch: Schreib mir eine e-Mail.

Marlis Schorcht sitzt am Schreibtisch und lächelt in die Kamera
{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}

In diesem Beitrag geht es um folgende Themen:

>