Sarkopenie – warum deine Muskeln ab 60 leise schwinden und was du tun kannst

Sarkopenie. Ein Wort, das die meisten Menschen noch nie gehört haben – obwohl Muskelabbau im Alter ab 60 ziemlich viele betrifft. Was dahinter steckt, macht sich schleichend bemerkbar: Der Körper verliert Muskelmasse. Nicht von heute auf morgen, sondern still, über Jahre. Die Einkaufstasche fühlt sich irgendwann schwerer an. Das Aufstehen vom Sofa braucht einen kleinen Schwung mehr. Die Treppe, die jahrelang kein Thema war, kostet plötzlich Puste. Kennst du das?

In meinem Studium der Integrierten Gerontologie ging es im Kern um eine Frage: Wie können Menschen möglichst lange selbstständig und aktiv am Leben teilnehmen? Seitdem beschäftige ich mich mit der Forschung zu genau solchen Themen. Und Muskelabbau im Alter…das ist einer der Bereiche, die mich am meisten überrascht haben. Nicht weil es so bedrohlich klingt, sondern weil es so gut vermeidbar ist.

Was genau Sarkopenie bedeutet, wie du mit einem einfachen Test erkennst, ob du betroffen bist, und was du ab heute konkret dagegen tun kannst – das schauen wir uns jetzt an.


Was ist Sarkopenie – und warum betrifft es so viele Menschen ab 60?

Hinter dem Begriff Sarkopenie steckt etwas, das Millionen Menschen in Deutschland betrifft, ohne dass die meisten einen Namen dafür kennen: der fortschreitende Verlust von Skelettmuskulatur und Muskelkraft im Alter. Seit 2018 hat Sarkopenie sogar einen eigenen ICD-Code. Die Medizin erkennt Muskelabbau im Alter also offiziell als Erkrankung an. Trotzdem taucht das Wort beim Hausarzt selten auf. Seltsam, oder?

Die Zahlen dazu haben mich ehrlich überrascht. Laut einer Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt von 2025 sind etwa 7 Prozent aller Menschen ab 65 in Deutschland von Sarkopenie betroffen. Klingt erstmal überschaubar. Aber bei den über 80-Jährigen steigt die Zahl auf bis zu 50 Prozent. Jeder Zweite. Europaweit rechnet man mit einem Anstieg von 20 auf 32 Millionen Betroffene bis 2045.

Was die Forschung dabei klar zeigt: Sarkopenie ist kein reines Altersproblem. Es ist vor allem ein Bewegungsproblem. Wer sich wenig bewegt, baut schneller Muskeln ab – und wer gezielt gegensteuert, kann den Muskelabbau bremsen und teilweise sogar umkehren. Das ist der entscheidende Punkt.


Muskelabbau im Alter – ab wann beginnt er und wie schnell geht es?

Der Muskelabbau beginnt früher als die meisten Menschen denken. Ab etwa 30 verliert der Körper langsam Muskelmasse – zunächst kaum spürbar, vielleicht ein halbes Prozent pro Jahr. Ab 60 beschleunigt sich der Abbau deutlich: 1 bis 2 Prozent Muskelmasse pro Jahr gehen verloren, wenn man nichts dagegen tut. Bei der Muskelkraft sind es sogar bis zu 3 Prozent jährlich.

Was heißt das konkret für den Alltag ab 60? Wer mit 60 nichts an seinem Bewegungsverhalten ändert, hat mit 80 möglicherweise ein Drittel seiner Muskelkraft verloren. Ein Drittel. Und Muskelkraft entscheidet im Alter über ganz praktische Dinge: Ob du noch selbstständig einkaufen gehen, Treppen steigen oder deine Enkel hochheben kannst.

Aber…und das finde ich wirklich wichtig: Muskelabbau im Alter ist kein unaufhaltsamer Prozess. Selbst Menschen, die jahrelang kaum Sport gemacht haben, können mit gezieltem Training wieder Muskelmasse aufbauen. In jedem Alter. Dazu gleich mehr.


Sarkopenie erkennen – ein einfacher Selbsttest für zu Hause

Viele Menschen ab 60 fragen sich, ob der schleichende Muskelabbau sie bereits betrifft. Ganz ehrlich? Das lässt sich relativ einfach herausfinden. Es gibt einen Sarkopenie-Selbsttest, den du jetzt sofort machen kannst – den sogenannten Chair-Rise-Test. Der wird auch in der medizinischen Diagnostik verwendet.

So funktioniert der Chair-Rise-Test: Setz dich auf einen normalen Stuhl, verschränke die Arme vor der Brust und steh fünfmal hintereinander auf. So schnell du kannst. Ohne dich mit den Armen abzustützen.

Unter 12 Sekunden: Deine Beinkraft ist gut.
12 bis 15 Sekunden: Es gibt Hinweise auf nachlassende Muskelkraft.
Über 15 Sekunden: Die europäische Fachgesellschaft EWGSOP2 wertet das als mögliches Anzeichen für Sarkopenie.

Ein einzelner Test ist natürlich noch keine Diagnose. Aber der Chair-Rise-Test gibt dir eine ehrliche Orientierung. Was ich in Gesprächen immer wieder höre: Viele Menschen ab 60 bemerken typische Anzeichen für Muskelabbau im Alter, ohne sie einordnen zu können. Häufigeres Stolpern zum Beispiel. Unsichereres Gehen auf unebenem Boden. Schwierigkeiten beim Öffnen von Gläsern. Oder einfach das Gefühl, insgesamt schwächer zu werden.

Wenn du unsicher bist, sprich dein Testergebnis beim nächsten Arztbesuch an. Die Sarkopenie-Diagnose umfasst eine Messung der Handkraft und der Muskelmasse – beides unkompliziert und schmerzfrei.


Sarkopenie vorbeugen – warum Spazierengehen allein nicht reicht

Eine Frage, die in Gesprächen über Bewegung im Alter immer wieder auftaucht: „Reicht meine tägliche Runde Spazierengehen gegen Muskelabbau?“ Und ich verstehe total, warum so viele das hoffen. Spazierengehen ist gut für Herz, Kreislauf und Stimmung – aber gegen Sarkopenie reicht es leider nicht aus. Die Forschung ist da eindeutig.

Muskeln brauchen einen Reiz, der über das Gewohnte hinausgeht, um sich zu erhalten oder aufzubauen. Beim Gehen bewegen wir zwar unsere Beine, aber wir fordern die Muskulatur nicht heraus. Wir machen es halt seit Jahrzehnten. Der Körper hat keinen Grund, Muskeln aufzubauen, die er beim Gehen nicht braucht.

Was bei Sarkopenie wirklich wirkt, ist progressives Krafttraining. Das bedeutet: Muskeln gegen einen Widerstand arbeiten lassen und diesen Widerstand über die Zeit steigern. Klingt anstrengend? Muss es gar nicht sein. Aber Krafttraining ist aktüll die einzige Maßnahme, für die es bei Sarkopenie eine klare wissenschaftliche Evidenz gibt. Kein Medikament auf dem Markt kann das bisher leisten.

Und du brauchst dafür weder ein Fitnessstudio noch teure Geräte. Ein einfaches Theraband reicht für den Einstieg völlig aus. Kostet zwischen 8 und 15 Euro, passt in jede Schublade und liefert genug Widerstand für ein wirksames Training zu Hause.

Wer sich generell wieder mehr an Bewegung herantasten möchte, kann Ausdauer und Kraft kombinieren. Beides zusammen wirkt bei Sarkopenie sogar besser als Krafttraining allein.


Übungen gegen Sarkopenie – drei wirksame Übungen für zu Hause

Es braucht kein Fitnessstudio und kein teures Equipment, um Muskelabbau im Alter zu bremsen. Diese drei Übungen gegen Sarkopenie kannst du heute noch im Wohnzimmer machen. Alle drei sind in Studien als wirksam belegt – und du brauchst dafür maximal einen Stuhl und ein Theraband.

1. Aufstehen vom Stuhl (ohne Arme)
Setz dich auf einen stabilen Stuhl, Füße hüftbreit auf dem Boden. Steh auf, ohne dich abzustützen, und setz dich langsam wieder hin. 10 Wiederholungen, 2 bis 3 Durchgänge. Trainiert die gesamte Beinmuskulatur – genau die Muskeln, die dich beim Treppensteigen und beim Aufstehen tragen.

2. Wandliegestütze
Stell dich etwa eine Armlänge von einer Wand entfernt auf. Hände schulterbreit an die Wand, dann langsam mit dem Oberkörper zur Wand und wieder zurückdrücken. 10 Wiederholungen, 2 Durchgänge. Trainiert Brust, Schultern und Arme – wichtig fürs Tragen und Heben im Alltag.

3. Theraband-Rudern
Setz dich auf einen Stuhl, wickle ein Theraband um die Fußsohlen und zieh die Enden mit beiden Händen zu dir. Schulterblätter zusammenziehen, kurz halten, langsam zurück. 10 Wiederholungen, 2 Durchgänge. Trainiert den gesamten Rücken und beugt Haltungsproblemen vor.

Wie oft solltest du gegen Sarkopenie trainieren? 2 bis 3 Mal pro Woche reicht. Mehr muss es am Anfang nicht sein. Die Forschung zeigt, dass schon 2 Trainingseinheiten pro Woche messbare Verbesserungen bringen – bei Griffkraft, Beinkraft und Gehgeschwindigkeit. Also: Regelmäßigkeit zählt mehr als Intensität.

Wer seine Fortschritte beim Krafttraining ab 60 sichtbar machen möchte: Ein Fitness-Tracker kann helfen, die tägliche Aktivität im Blick zu behalten.


Ernährung bei Sarkopenie – wie viel Protein brauchen Menschen ab 60?

Krafttraining allein reicht bei Sarkopenie nicht aus – und das wird oft unterschätzt. Ohne ausreichend Protein kann der Körper keine Muskeln aufbauen. Egal wie viel du trainierst. Protein ist der wichtigste Baustein gegen Muskelabbau im Alter.

Die aktülle Empfehlung für Menschen ab 60 liegt bei 1,0 bis 1,2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Bei 70 Kilo sind das 70 bis 84 Gramm Protein täglich. Zum Vergleich: Viele Menschen ab 60 kommen auf gerade mal 50 bis 60 Gramm.

Entscheidend bei der Ernährung gegen Sarkopenie ist die Verteilung über den Tag. Studien zeigen, dass der Körper Protein am besten verwertet, wenn du zu jeder Mahlzeit 25 bis 30 Gramm aufnimmst. Also nicht abends den großen Proteinschlag, sondern gleichmäßig auf Frühstück, Mittag und Abend verteilt.

Praktische Protein-Quellen für den Alltag:
– 2 Eier: ca. 14 g Protein
– 150 g Magerquark: ca. 18 g Protein
– 100 g Hähnchenbrust: ca. 25 g Protein
– 200 g Linsen (gekocht): ca. 18 g Protein
– 200 ml Milch + 30 g Haferflocken: ca. 12 g Protein

Neben Protein spielt Vitamin D eine wichtige Rolle bei Sarkopenie. Viele Menschen ab 60 haben zu niedrige Vitamin-D-Werte, besonders in den Wintermonaten. Die Empfehlung liegt bei 800 bis 1.000 I.E. pro Tag. Was Vitamin D für deinen Körper tut und warum es gerade ab 60 so wichtig wird, habe ich in einem eigenen Beitrag aufgeschrieben.


Muskelaufbau mit 70 oder 80 – ist es wirklich nie zu spät?

Ob Muskelaufbau im Alter noch möglich ist, gehört zu den häufigsten Fragen rund um Sarkopenie. Und die Antwort hat mich selbst beeindruckt: Ja, auch mit 70, 80 oder sogar 90 ist Muskelaufbau noch möglich. Das ist keine Motivationsfloskel.

Eine der bekanntesten Studien dazu kommt aus den USA: Teilnehmer zwischen 86 und 96 Jahren trainierten acht Wochen lang ihre Beinmuskulatur. Acht Wochen. Das Ergebnis: Die Muskelkraft stieg im Schnitt um 174 Prozent. Einige Teilnehmer konnten anschließend wieder ohne Gehhilfe laufen. Lass dir das mal auf der Zunge zergehen.

Was mich an diesen Ergebnissen so faßiniert: Sie zeigen, wie anpassungsfähig unser Körper bleibt. Auch nach Jahrzehnten ohne Training. In meinem Gerontologie-Studium ging es immer um die Frage: Wie können Menschen so lange wie möglich gelingend am Leben teilnehmen? Muskelkraft ist dafür eine der wichtigsten Voraußetzungen. Und Sarkopenie ist eine der größten Bedrohungen für diese Selbstständigkeit – aber eben auch eine der am besten vermeidbaren.

Es gibt bei Sarkopenie kein „zu spät“. Es gibt nur ein „noch nicht angefangen“. Und der beste Zeitpunkt anzufangen? Heute. Fünfmal vom Stuhl aufstehen. Ein Theraband für 10 Euro bestellen. Beim nächsten Arztbesuch fragen: Wie steht es um meine Muskelkraft? Dass das Älterwerden schneller voranschreitet als nötig, muss nicht sein.

Deine Muskeln warten auf dich. In jedem Alter.

Genieß dein Leben. Du hast nur eins.

Marlis


Wer schreibt hier?

Ich bin Marlis Schorcht und ich schreibe hier über das, was viele lieber verdrängen: dass wir älter werden. Nicht irgendwann, sondern jetzt, jeden Tag.

Warum ich das tue:
Weil Altern keine Krankheit ist, die man bekämpfen muss, sondern eine Lebensphase, die man gestalten kann. Bewusst, selbstbestimmt, ohne Angst.

Auf Leben-und-Altern.de schreibe ich über das Leben nach der Arbeit, über Sinn, Gesundheit, Beziehungen, Einsamkeit und Geld. Über die 20 Jahre, über die kaum jemand spricht und darüber, wie man sie mit mehr Lebensqualität, Klarheit und Gelassenheit erleben kann.

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