Gut leben an der Ostsee und Seenplatte: Vier Orte, vier Charaktere

Alt werden. In einer schönen Gegend. Das wünschen sich viele, oder? Gerade, wenn die Kinder raus sind und selbst überall in Deutschland oder der Welt verstreut leben, kann man nochmal neu überlegen: WO will man alt werden? In den letzten Monaten bin ich durch Mecklenburg-Vorpommern gereist. Vier Orte, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und überall habe ich mir dieselbe Frage gestellt: Wie lebt es sich hier wirklich? Nicht für zwei Wochen Urlaub, sondern so richtig. Jeden Tag aufstehen, Kaffee kochen, rausgehen. Lebt man hier gut?

Ich will dir nicht sagen, welcher Ort „der beste“ ist. Das wäre Unsinn, denn das hängt ganz davon ab, wer du bist und was du brauchst. Aber ich kann dir erzählen, was ich erlebt habe. Und vielleicht hilft dir das bei der Frage, ob einer dieser Orte auch für dich in Frage kommt.


Wo ich war und was hängengeblieben ist

Ich war gezielt in Mecklenburg-Vorpommern. Weil ich weiß, dass diese Region mehr ist, als das, was man so darüber erzählt.

Neubrandenburg hatte ich gar nicht auf der Liste. Eine Vier-Tore-Stadt irgendwo in Mecklenburg, klingt erstmal nach wenig. Und dann stand ich in der Konzertkirche und hörte einem Soundcheck zu, und mir wurde klar: Diesen Ort unterschätzt man. 65.000 Einwohner, eine mittelalterliche Stadtmauer, der Tollensesee direkt vor der Tür. Und Wohnungspreise, bei denen ich dreimal nachgerechnet habe, weil ich es nicht glauben konnte.

Waren an der Müritz war für mich der Ort, an dem ich am liebsten geblieben wäre. Morgens am Stadthafen sitzen, die Müritz spiegelglatt, irgendwo ein Seeadler. Nachmittags mit dem Rad in den Nationalpark, abends Räucherfisch am Wasser. Fünf Seen im Stadtgebiet, 30.000 Kraniche im Herbst, und du kannst sogar ohne Führerschein ein Hausboot mieten. Klingt fast zu gut, oder?

In Kühlungsborn bin ich die Strandpromenade rauf und runter gelaufen. 3,2 Kilometer, an weißen Villen vorbei, mit Salzluft im Gesicht. Dann mit der dampfenden Molli-Bahn nach Bad Doberan, Kaffee und Münster, und zurück mit dem Rad. Und abends im Gespensterwald, als der Nebel zwischen den Buchen aufstieg…naja. Das vergisst man nicht.

Warnemünde hat mich am meisten überrascht. Ich dachte, ich kenne den Ort. Touristenfalle am Meer, Fischbrötchen und fertig. Aber dann saß ich morgens am Alten Strom, die Kutter kamen rein, und ein Nachbar grüßte mich, als wäre ich schon immer da. Der breiteste Strand der deutschen Ostsee, und mit der S-Bahn bist du in 20 Minuten in Rostock. Großstadtangebot und Dorfgefühl, das gibt es sonst nirgends so.


Was kosten die vier Orte?

Ich weiß, das ist die Frage, die die meisten zuerst stellen. Also:

Eigentumswohnungen (pro Quadratmeter):
– Neubrandenburg: 1.200 – 2.000 Euro
– Waren an der Müritz: 1.500 – 2.500 Euro
– Kühlungsborn: 3.000 – 6.000 Euro
– Warnemünde: 3.500 – 7.000 Euro

Kaltmiete (pro Quadratmeter):
– Neubrandenburg: 5 – 7 Euro
– Waren an der Müritz: 6 – 9 Euro
– Kühlungsborn: 8 – 12 Euro
– Warnemünde: 10 – 14 Euro

Zum Vergleich: München liegt bei 8.000 bis 12.000 Euro, Berlin bei 4.000 bis 7.000 Euro. Selbst Kühlungsborn und Warnemünde, die teuersten in dieser Liste, liegen unter dem, was die meisten Städte in den alten Bundesländern verlangen. Und Neubrandenburg oder Waren? Da bekommst du für den Preis einer Berliner Zweizimmerwohnung ein halbes Haus mit Garten. Ich hab das nachgerechnet und es immer noch nicht ganz verdaut.

Was das im Alltag bedeutet: Deine Rente reicht hier weiter. Was in Stuttgart für ein bescheidenes Auskommen reicht, ermöglicht in Waren den Segelkurs, den Thermenbesuch und das Abendessen am Hafen. In Neubrandenburg reicht es für Konzertkirche, Radtour und trotzdem noch was auf dem Konto.


Und welcher Ort passt jetzt zu wem?

Kommt drauf an, was du suchst. Ich versuch’s mal:

Wenn dir Natur über alles geht – morgens Seeadler, nachmittags Rad, abends Hafen – dann schau dir Waren an der Müritz an. Kein Ort in dieser Serie hat so viel Natur auf so engem Raum.

Wenn du eine richtige Stadt willst, mit Fachärzten, Kulturprogramm und Vereinen, und dafür auf Meer verzichten kannst, ist Neubrandenburg dein Ort. Zu Preisen, die anderswo undenkbar wären.

Wenn du Meer und Schönheit willst und bereit bist, dafür etwas mehr zu zahlen: Kühlungsborn. Diese Mischung aus Strand, weißen Villen, Dampfbahn und Heilklima ist einzigartig. Und Rostock ist nur 40 Minuten weg.

Und wenn du beides willst – Meer und Großstadt – dann Warnemünde. Fischerdorf plus S-Bahn. Der breiteste Strand, der Alte Strom und die Uniklinik in 20 Minuten. Für mich persönlich der spannendste Kompromiss.


Was mich überall überrascht hat

In keinem dieser Orte hatte ich das Gefühl, einen Kompromiss einzugehen. Klar, du sparst Geld im Vergleich zu anderen Städten. Aber du verzichtest auf nichts, was wirklich zählt.

Überall bin ich auf Menschen gestoßen, die sich bewegen, die draußen sind, die etwas machen. Radfahren, Wandern, Segeln, Vereinsleben. Wer in dieser Lebensphase aktiv bleiben will, findet hier Bedingungen, die ich so nicht erwartet hätte. Ohne Leistungsdruck. Einfach draußen sein und sich gut fühlen.

Und die Menschen? Mecklenburg-Vorpommern hat ja nicht den Ruf, besonders warmherzig zu sein. Ich war selbst unsicher. Aber überall bin ich auf freundliche, offene Leute getroffen. Die norddeutsche Zurückhaltung ist da, klar. Aber dahinter steckt mehr, als man denkt.

Was ich aber nirgends erwartet hätte: dieses Raumgefühl. Die Landschaft ist weit, die Seen groß, der Himmel riesig. Wer aus einer engen Großstadtwohnung kommt, spürt das sofort. Platz zum Atmen. Klingt banal, ist es aber nicht.


Mein Fazit nach vier Orten

Ich bin losgefahren mit einer ehrlichen Frage: Taugt Mecklenburg-Vorpommern als Lebensmittelpunkt? Nicht als Urlaubsziel – das wissen wir alle. Sondern als Ort, an dem man gut leben kann. Aktiv, bezahlbar, mit Substanz.

Meine Antwort: Ja. Deutlicher, als ich gedacht hätte.

Keiner dieser Orte ist perfekt. Der ÖPNV könnte überall besser sein, manche Fachärzte haben lange Wartezeiten, und wer Großstadtkultur im Berliner Sinn sucht, wird hier nicht fündig. Aber wer weiß, was ihm in dieser Lebensphase wichtig ist, findet hier erstaunlich viel davon.

Mein Tipp: Fahr hin. Nicht im Hochsommer, wenn alles voll ist. Sondern im Frühling oder Herbst. Ein langes Wochenende pro Ort, mit dem Rad durch die Gegend, abends gut essen, morgens am Wasser sitzen. Danach weißt du, ob das was für dich ist.

Wer solche Erkundungsreisen gern festhält: Ein Reisetagebuch lohnt sich dafür wirklich. Die Stimmungen, die Gerüche, das Fischbrötchen am Alten Strom, der Moment, als die Kraniche über die Müritz flogen. Solche Sachen vergisst man sonst.

Alle Teile der Serie findest du hier:

  1. Neubrandenburg: Die Stadt, die du nicht auf dem Schirm hattest
  2. Waren an der Müritz: Aktiv leben am größten Binnensee Deutschlands
  3. Kühlungsborn: Weiße Villen, weiter Strand und eine Bahn, die dampft
  4. Warnemünde: Wo das Meer zum Alltag wird

Wer schon unseren Beitrag über Rostock kennt: Der passt da gut dazu. Rostock ist die Großstadt-Option in der Region, und Warnemünde gehört ja direkt dazu.

Genieß dein Leben. Du hast nur eins.

Marlis

Wer schreibt hier?

Ich bin Marlis Schorcht und ich schreibe hier über das, was viele lieber verdrängen: dass wir älter werden. Nicht irgendwann, sondern jetzt, jeden Tag.

Warum ich das tue:
Weil Altern keine Krankheit ist, die man bekämpfen muss, sondern eine Lebensphase, die man gestalten kann. Bewusst, selbstbestimmt, ohne Angst.

Auf Leben-und-Altern.de schreibe ich über das Leben nach der Arbeit, über Sinn, Gesundheit, Beziehungen, Einsamkeit und Geld. Über die 20 Jahre, über die kaum jemand spricht und darüber, wie man sie mit mehr Lebensqualität, Klarheit und Gelassenheit erleben kann.

Schreib mir gern:
Wenn du Gedanken, Fragen oder Herausforderungen zum Thema hast. Oder wenn du etwas erlebt hast, das anderen Mut machen könnte, etwas, das dich verändert oder weitergebracht hat.

Ich freue mich auf den Austausch: Schreib mir eine e-Mail.

Marlis Schorcht sitzt am Schreibtisch und lächelt in die Kamera
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