Neubrandenburg: Die Stadt, die du nicht auf dem Schirm hattest

Neubrandenburg. Klingt erstmal nach DDR, nach Plattenbau, nach irgendwo im Osten. Ehrlich gesagt…so ähnlich hatte ich es auch erwartet. Und dann stand ich vor der Konzertkirche. Eine gotische Kirchenruine, in die ein finnischer Architekt einen der besten Konzertsäle Norddeutschlands reingebaut hat. Da stand ich also da und dachte: Okay, das hatte ich jetzt nicht kommen sehen.

Die Stadt liegt am Tollensesee, einem zehn Kilometer langen Gletschersee mit richtig klarem Wasser. Sie hat eine nahezu vollständig erhaltene mittelalterliche Stadtmauer mit vier gotischen Toren. Und Wohnungen, die in München oder Hamburg ein Vermögen kosten würden, sind hier für ganz normale Menschen bezahlbar.

Warum kennt das niemand? Gute Frage. Vielleicht, weil Mecklenburg-Vorpommern in den Medien selten für Lebensqualität steht. Dabei passiert hier tatsächlich etwas. Menschen entscheiden sich bewusst für diese Region, bauen sich ein gutes Leben auf, gestalten ihre Gemeinschaft. Die Leute, die ich dort getroffen habe, machen das nicht, weil sie müssen. Sondern weil sie wollen.

Dieser Beitrag ist der erste Teil meiner Serie „Gut leben an der Ostsee und Seenplatte„. Wie lebt es sich wirklich an diesen Orten im Ostsee-Hinterland? Was kostet das, was kann man dort tun, welche Sehenswürdigkeiten lohnen sich? Lohnt sich ein Besuch, ein Kurzurlaub, oder vielleicht sogar mehr?


Was ist die Konzertkirche Neubrandenburg und warum lohnt sie sich?

Die Konzertkirche ist das, was von der Marienkirche übrig geblieben ist. Eine riesige gotische Backsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert, im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört. Jahrzehntelang stand die Ruine offen, Wind und Regen taten ihr Werk.

Und dann kam eine Entscheidung, die ich ziemlich mutig finde: Kein Wiederaufbau als Kirche. Stattdessen entwarf der finnische Architekt Pekka Salminen einen modernen Konzertsaal, der sich wie ein Kokon in die gotische Hülle einfügt. Seit 2001 ist die Konzertkirche Neubrandenburg das Zuhause der Neubrandenburger Philharmonie.

Was mich am meisten beeindruckt hat: Du sitzt in einem hochmodernen Saal und blickst nach oben in eine 700 Jahre alte gotische Hülle. Backsteinwände neben Holzverkleidung, mittelalterliche Fensterbögen neben zeitgenössischer Architektur. Die Akustik gilt als eine der besten in Norddeutschland, und das Programm reicht von klassischen Sinfoniekonzerten über Jazz bis zu besonderen Veranstaltungen.

Wer Konzerttickets für die Konzertkirche Neubrandenburg sucht, findet das aktuelle Programm auf der Seite der Neubrandenburger Philharmonie. Tickets gibt es auch über Eventim*.

Wenn du Kultur schätzt, ist das allein schon ein Grund für einen Kurzurlaub in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Konzertabo kostet hier übrigens einen Bruchteil dessen, was du in Hamburg oder Berlin zahlst.


Wie sieht die Stadtmauer aus und was sind Wiekhäuser?

Die mittelalterliche Stadtmauer von Neubrandenburg ist rund 2,3 Kilometer lang und umschließt die Altstadt fast vollständig. Sie gehört zu den besterhaltenen Stadtbefestigungen in ganz Nordeuropa. Das muss man sich mal vorstellen: 2,3 Kilometer mittelalterliche Mauer, fast komplett erhalten.

Vier gotische Stadttore markieren die Himmelsrichtungen: Stargarder Tor, Friedländer Tor, Treptower Tor und das Neue Tor. Jedes architektonisch einzigartig. Das Treptower Tor beherbergt heute das Regionalmuseum.

Das eigentlich Besondere aber sind die Wiekhäuser. Mehr als 25 kleine Fachwerkhäuser, direkt in die Mauer hineingebaut. Ursprünglich Verteidigungsanlagen, später Wohnhäuser. Heute findest du in ihnen Kunstgalerien, Ateliers, ein Café, kleine Museen. Wer die Mauer abläuft, kommt von einem Wiekhaus zum nächsten, schaut Künstlern über die Schulter, trinkt einen Kaffee in einer mittelalterlichen Nische.

Die komplette Runde dauert etwa 45 bis 60 Minuten. Und ich glaube, der Spaziergang wird nie langweilig. Je nach Licht, Jahreszeit und Ausstellung in den Wiekhäusern sieht er jedes Mal anders aus. Das kennt man ja vielleicht auch von sich selbst: Man geht dieselbe Strecke, und sieht trotzdem immer was Neues.

Wer eine geführte Stadtführung durch die Altstadt und entlang der Stadtmauer von Neubrandenburg machen möchte, findet über die Touristinfo Neubrandenburg aktuelle Angebote.


Was macht den Tollensesee so besonders?

Der Tollensesee ist ein Gletschersee, zehn Kilometer lang, bis zu 31 Meter tief, mit ausgezeichneter Wasserqualität. Er liegt direkt am südlichen Stadtrand. Fünf Minuten mit dem Rad, und du bist am Wasser.

Was ich an diesem See sofort mochte: Er ist groß genug, um nie überlaufen zu wirken. Es gibt mehrere öffentliche Badestellen, darunter das Augustabad am Nordufer und den Strand in Broda. Im Sommer kannst du hier schwimmen, Stand-Up-Paddling machen, Kajak fahren oder einfach am Ufer sitzen und den Fischadlern zusehen. Wer ein Kajak oder SUP-Board ausleihen möchte, findet Infos beim Bootsverleih am Tollensesee.

Der Tollensesee-Rundweg führt auf rund 30 Kilometern einmal um den gesamten See — eine der schönsten Radtouren an der Mecklenburgischen Seenplatte. Die Strecke ist flach bis leicht hügelig, gut ausgebaut und ideal für E-Bikes. Auf Komoot findest du die Route als fertige Tour, inklusive Einkehrmöglichkeiten am Weg. Für einen Tag mit Pausen, Kaffee und Fotostopps solltest du vier bis fünf Stunden einplanen.

Wer es kürzer mag: Die Strecke Neubrandenburg bis Broda und zurück sind etwa 8 Kilometer am Westufer. Ein entspannter Nachmittagsspaziergang mit Seeblick.

Wer solche Touren gern festhält…ein Reisetagebuch* macht sich auf Tagesausflügen wie diesem bezahlt. Nicht digital, sondern auf Papier: Routen, Eindrücke, das kleine Café am Westufer, das man sonst vergisst.

Übrigens: Im Tollensetal südlich des Sees haben Archäologen eines der ältesten Schlachtfelder Europas entdeckt. Eine bronzezeitliche Schlacht von vor über 3.000 Jahren. Falls du dich für Geschichte interessierst, ist das eine ziemlich faszinierende Ergänzung zum Besuch.


Was kostet das Leben in Neubrandenburg wirklich?

Jetzt wird es für viele überraschend. Die Lebenshaltungskosten in Neubrandenburg liegen deutlich unter dem westdeutschen Durchschnitt. Und die Immobilienpreise…naja, die sind ein eigenes Kapitel.

Eine renovierte Eigentumswohnung in der Altstadt oder in Seenähe kostet etwa 1.200 bis 2.000 Euro pro Quadratmeter. Zum Vergleich: In München zahlst du 8.000 bis 12.000 Euro, in Hamburg 4.500 bis 7.000 Euro. Selbst mittelgroße Städte wie Münster oder Freiburg liegen bei 3.500 bis 5.000 Euro.

Konkret heißt das: Eine schöne 80-Quadratmeter-Wohnung mit Blick auf den Tollensesee kostet in Neubrandenburg 100.000 bis 160.000 Euro. Dafür bekommst du in München vielleicht ein Zimmer. Ich hab das dreimal nachgerechnet, weil ich es nicht glauben wollte.

Mietwohnungen liegen bei etwa 5 bis 8 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete. Eine großzügige 3-Zimmer-Wohnung für 500 bis 650 Euro im Monat. In vielen westdeutschen Städten undenkbar.

Und was heißt das ganz praktisch für die Lebensqualität im Alter? Deine Rente oder Pension reicht hier erheblich weiter. Was in Stuttgart für ein bescheidenes Auskommen reicht, ermöglicht in Neubrandenburg Konzertabos, Restaurantbesuche und den Kajak-Kurs am See. Bezahlbar wohnen und trotzdem gut leben — in der Vier-Tore-Stadt geht das tatsächlich.

Die Anbindung stimmt übrigens auch: Mit der Regionalbahn bist du in gut einer Stunde in Rostock, in rund zwei Stunden in Berlin. Das Deutschlandticket* deckt das alles ab. Wer sich tiefer mit dem Thema Wohnen und Umziehen beschäftigt, findet in unserem Beitrag zu Rostock als möglichem Wohnort einen guten Vergleich. Die Ostsee-Metropole liegt nur 80 Kilometer nördlich.


Welche Outdoor-Aktivitäten gibt es rund um Neubrandenburg?

Ziemlich viel, ehrlich gesagt. Für eine Stadt dieser Größe hat mich das Angebot überrascht.

Radfahren: Das Terrain um Neubrandenburg ist sanft hügelig. Ideal zum Radfahren an der Seenplatte. Anspruchsvoll genug, um nicht langweilig zu werden, aber nie so steil, dass es keinen Spaß mehr macht. Für E-Bikes ist die Gegend perfekt. Neben dem Tollensesee-Rundweg (30 km) führen Radwege in den Naturpark Feldberger Seenlandschaft, nach Neustrelitz oder entlang der Mecklenburgischen Seenplatte.

Wandern: Der Naturpark Feldberger Seenlandschaft liegt etwa 30 Kilometer südlich. Buchenwälder, kristallklare Seen und markierte Wanderwege für Tagestouren, gerade für Menschen, die naturnah leben wollen, ein Traum. Näher an der Stadt bieten das Tollensetal und die Brodaer Berge schöne Halbtageswanderungen. Auf Komoot gibt es dutzende Wanderrouten rund um Neubrandenburg, sortiert nach Länge und Schwierigkeitsgrad.

Auf dem Wasser: Der Tollensesee bietet Schwimmen, Kajak, SUP, Rudern und Segeln. Boot- und Kajakverleih gibt es vor Ort. Was mir aufgefallen ist: Die Sportvereine der Stadt sind ziemlich offen für neue Mitglieder. In Mecklenburg-Vorpommern ist die Vereinskultur erfreulich unkompliziert. Wer mit 65 Rudern lernen will, wird willkommen geheißen, nicht schief angeschaut.

Nordic Walking: Markierte Routen führen durch die Wälder rund um den See. Gerade für Menschen, die wieder in Bewegung kommen wollen, ist das Terrain hier perfekt: weiche Waldböden, frische Luft, keine Steigungen die überfordern.


Was gibt es in Neubrandenburg zu essen?

Ganz ehrlich? Mecklenburg ist kein Gourmetziel im klassischen Sinn. Und genau das ist eigentlich der Punkt. Die Küche hier ist ehrlich, regional und bezahlbar.

Am Tollensesee kommt Fisch auf den Tisch, der vor ein paar Stunden noch im Wasser war: Zander, Barsch, Hecht, Aal, oft gebraten oder geräuchert. Die Wälder liefern Wild: Reh und Wildschwein aus der Region. Auf dem Wochenmarkt am Marktplatz findest du saisonales Gemüse, frischen Käse und Backwaren.

Einige der Wiekhäuser in der Stadtmauer beherbergen kleine, atmosphärische Restaurants und Cafés. In einer mittelalterlichen Nische sitzen und frischen Zander essen…das hat was, findest du nicht auch?

Ein vollständiges Abendessen mit Wein kostet hier ungefähr die Hälfte von dem, was du in Düsseldorf oder Frankfurt zahlen würdest. Auch das gehört zur Lebensqualität.


Warum Neubrandenburg einen zweiten Blick verdient

Es gibt Orte in Deutschland, die unterschätzt werden. Neubrandenburg gehört dazu. Die Stadt trägt die Last von Klischees über den Osten: Abwanderung, Plattenbau, Perspektivlosigkeit. Aber das Bild stimmt so nicht mehr. Oder besser gesagt: Es hat nie die ganze Geschichte erzählt.

In den letzten drei Jahrzehnten hat Neubrandenburg sich neu erfunden. Die Konzertkirche ist dafür das sichtbarste Symbol. Aber auch die renovierte Altstadt, die belebten Wiekhäuser, die Menschen, die hier Kulturvereine gründen, Sportclubs führen, Restaurants eröffnen. Das ist die Geschichte, die seltener erzählt wird. Schade eigentlich.

Falls du gerade über dein Leben nachdenkst (wo will ich wohnen, wie will ich meine Zeit verbringen, was brauche ich wirklich in dieser Lebensphase) ist Neubrandenburg einen ernsthaften Gedanken wert. Nicht als Kompromiss. Sondern weil du hier Raum, Natur und Kultur bekommst, ohne dir Sorgen ums Geld machen zu müssen.

Und selbst wenn Umziehen kein Thema ist: Fahr hin. Ein langes Wochenende am Tollensesee, ein Konzert in der Konzertkirche Neubrandenburg, dazu ein Spaziergang entlang der Stadtmauer. Den Trip vergisst du so schnell nicht.

Hotels in Neubrandenburg* findest du ab ca. 60 Euro pro Nacht. Und wer eine Ferienwohnung am Tollensesee sucht, wird ebenfalls fündig. Die Region ist touristisch gut erschlossen, aber nie überlaufen.

Na, Lust bekommen? Im nächsten Teil der Serie geht es nach Waren an der Müritz — aktiv leben am größten Binnensee Deutschlands. Wer schon mal reinschnuppern will: Mein Winterbericht von der Müritz zeigt, dass die Seenplatte auch in der kalten Jahreszeit ihren Reiz hat.


Genieß dein Leben. Du hast nur eins.

Marlis

Wer schreibt hier?

Ich bin Marlis Schorcht und ich schreibe hier über das, was viele lieber verdrängen: dass wir älter werden. Nicht irgendwann, sondern jetzt, jeden Tag.

Warum ich das tue:
Weil Altern keine Krankheit ist, die man bekämpfen muss, sondern eine Lebensphase, die man gestalten kann. Bewusst, selbstbestimmt, ohne Angst.

Auf Leben-und-Altern.de schreibe ich über das Leben nach der Arbeit, über Sinn, Gesundheit, Beziehungen, Einsamkeit und Geld. Über die 20 Jahre, über die kaum jemand spricht und darüber, wie man sie mit mehr Lebensqualität, Klarheit und Gelassenheit erleben kann.

Schreib mir gern:
Wenn du Gedanken, Fragen oder Herausforderungen zum Thema hast. Oder wenn du etwas erlebt hast, das anderen Mut machen könnte, etwas, das dich verändert oder weitergebracht hat.

Ich freue mich auf den Austausch: Schreib mir eine e-Mail.

Marlis Schorcht sitzt am Schreibtisch und lächelt in die Kamera
{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}

In diesem Beitrag geht es um folgende Themen:

>