Ich laufe eine Promenade entlang, und sie hört einfach nicht auf. Drei Kilometer direkt am Meer, links der Strand, rechts weiße Villen aus der Bäderarchitektur und zwischendrin eine Stille, die man in deutschen Seebädern selten findet. Kühlungsborn ist kein typisches Ostseebad. Und genau das macht den Ort interessant.
In meinem Studium der Integrierten Gerontologie war Stadtplanung ein großes Thema – wie müssen Orte aussehen, damit Menschen dort gut und selbstständig leben und altern können? Kühlungsborn hat mich überrascht, weil der Ort das fast beiläufig erfüllt: Heilklima, flache Wege, Versorgung im Ort, und Rostock mit Uniklinik nur 35 Kilometer entfernt.
Nach Neubrandenburg und Waren an der Müritz ist das hier Teil 3 meiner Serie „Gut leben an der Ostsee und Seenplatte„. In diesem Beitrag geht es um:
- Warum sich Kühlungsborn anders anfühlt als andere Ostseebäder
- Was es mit der Molli-Bahn und dem Gespensterwald auf sich hat
- Wie aktiv man hier leben kann – auch im Winter
- Was eine Wohnung kostet und wie die Anbindung wirklich ist
Warum fühlt sich Kühlungsborn anders an als andere Ostseebäder?
Kühlungsborn hat diesen Status, den man eigentlich nicht kaufen kann: offizielles Ostseebad mit anerkanntem Heilklima. Die Luft hier ist salzhaltig und jodreich, der Wald reicht bis fast an den Strand, und die Kombination aus Seeluft und Küstenwald gilt als therapeutisch wirksam. Klingt erstmal nach Werbebroschüre, ich weiß. Aber wenn du ein paar Tage hier verbracht hast, merkst du den Unterschied. Du schläfst besser. Du atmest tiefer. So einfach ist das halt manchmal.
Was Kühlungsborn von anderen Ostseebädern unterscheidet, ist die Mischung. Du hast den breiten Sandstrand, klar. Aber dahinter die Bäderarchitektur, diese weißen Villen, die dem Ort seinen unverwechselbaren Charakter geben. Viele davon stammen aus der Zeit um 1900, als die wohlhabende Gesellschaft die Ostsee als Sommerfrische entdeckte. Nach der Wende wurden sie aufwändig saniert, und heute sehen sie besser aus als je zuvor.
Und dann ist da die Lage. Kühlungsborn liegt nicht isoliert irgendwo an der Küste. Rostock mit seiner Uniklinik ist nur 35 bis 40 Kilometer entfernt. Heiligendamm, das älteste Seebad Deutschlands, liegt direkt nebenan. Bad Doberan mit seinem berühmten Münster ist eine kurze Fahrt entfernt. Oder eine Fahrt mit der Molli-Bahn. Aber dazu komme ich gleich.
Wie fährt man mit der Molli-Bahn und warum sollte man das tun?
Die Molli-Bahn ist eine Schmalspureisenbahn, die seit 1886 zwischen Kühlungsborn und Bad Doberan verkehrt. Eine echte Dampflok, die schnaufend und pfeifend durch die Landschaft zuckelt. Ja, zuckelt. Die Molli ist nicht schnell. Und genau das ist der Punkt.
Die Strecke ist etwa 15 Kilometer lang, die Fahrt dauert rund 40 Minuten. Unterwegs hält die Bahn in Heiligendamm, mitten auf der Straße in Bad Doberan, und an ein paar kleineren Stationen. Durch das Fenster siehst du erst den Küstenwald, dann Felder, dann die Alleen von Bad Doberan. Im Sommer fahren offene Wagen, im Winter heizt ein Ofen das Abteil.
Was mich überrascht hat: Die Molli ist kein reines Touristenangebot. Sie ist ins Nahverkehrsnetz integriert und sogar im Deutschlandticket* enthalten. Manche Leute nutzen sie tatsächlich, um nach Bad Doberan zum Einkaufen zu fahren. Mit einer Dampflok. Im Jahr 2026. Ich finde das ziemlich großartig.
Und es gibt regelmäßig Sonderfahrten. Die Molli-Feste sind ein festes Datum im Kalender, mit Dampf-Spektakel, Musik und Programm entlang der Strecke. Im Dezember fährt die Molli als Nikolaus-Express, und wer das Glück hat, an einem klaren Wintermorgen mitzufahren, wenn Raureif auf den Feldern liegt und der Dampf in der kalten Luft steht…naja, das vergisst man nicht so schnell.
Wer die Molli als Tagesausflug plant, kann in Bad Doberan das gotische Münster besichtigen, das zu den bedeutendsten Backsteinkirchen in Norddeutschland gehört. Eine Radtour von Kühlungsborn über Heiligendamm nach Bad Doberan sind etwa 15 Kilometer, und zurück geht es dann mit der Molli. Oder andersrum: hinfahren mit der Bahn, zurückradeln. Dann ein Kaffee in der Altstadt von Bad Doberan, und der Tag ist rund. Eigentlich perfekt.
Was ist der Gespensterwald bei Nienhagen?
Etwa fünf bis sieben Kilometer östlich von Kühlungsborn, auf der Steilküste bei Nienhagen, steht ein Wald, der aussieht wie aus einem Märchenbuch. Oder aus einem Gruselfilm, je nach Stimmung. Windgeformte Buchen, die sich vom Meer weg krümmen, mit kahlen, verdrehten Ästen. Die Einheimischen nennen ihn Gespensterwald, und ehrlich gesagt…der Name passt.
Bei Nebel ist dieser Ort fast unwirklich. Die Bäume stehen auf der Kante der Steilküste, unten rauscht die Ostsee, und die Nebelschwaden ziehen durch die Stämme. Selbst bei Sonnenschein hat der Wald etwas Eigenwilliges. Die Buchen wachsen hier seit Jahrzehnten gegen den Seewind an, und das hat sie in diese skurrilen Formen gebracht.
Der Gespensterwald ist zu Fuß oder mit dem Rad gut erreichbar. Als Halbtageswanderung von Kühlungsborn aus entlang der Küste ist das eine richtig schöne Tour. Flach, mit Meerblick, und am Ziel dieser verwunschene Wald. Fotografen lieben diesen Ort, und ich verstehe warum. Aber was kein Foto einfängt, ist das Geräusch: Wind in den kahlen Ästen, das Rauschen der Ostsee unter dir, und dazwischen diese eigenartige Stille.
Wie aktiv kann man in Kühlungsborn leben?
Aktiver, als man denkt. Und zwar ohne dass du dafür ein Sportler sein musst.
Fang mit der Promenade an. 3,2 Kilometer in eine Richtung, das sind hin und zurück etwa 6,5 Kilometer. Flach, direkt am Meer, mit Bänken zum Ausruhen und Cafés zwischendrin. Für einen täglichen Spaziergang oder eine Nordic-Walking-Runde ist das fast perfekt. Und wer sich nach einer Weile steigern will, findet markierte Nordic-Walking-Routen durch den Küstenwald.
Wer wieder ins Laufen oder Walken einsteigen möchte: Die Wege hier sind ideal. Weicher Sandboden am Strand, feste Promenade, Waldwege mit Nadelboden. Und das Heilklima tut sein Übriges.
Radfahren: Der Ostseeküsten-Radweg führt direkt durch Kühlungsborn. Flach, gut ausgebaut, E-Bike-freundlich. Eine meiner Lieblingstouren: Von Kühlungsborn über Heiligendamm nach Bad Doberan und zurück. Etwa 30 Kilometer, dazu die Molli als Abkürzung für den Rückweg, wenn die Beine nicht mehr wollen. Clever, oder?
Wandern: Der Kühlung-Höhenzug hinter der Stadt erreicht Höhen bis 130 Meter. Klingt nicht nach viel, aber nach dem flachen Strand ist das ein überraschend hügeliges Terrain mit Buchenwäldern und weiten Aussichten. Der Bastorfer Leuchtturm auf dem Höhenzug ist ein lohnendes Wanderziel. Und der Gespensterwald bei Nienhagen sowieso.
Wasser und Wellness: Die Ostsee-Therme Kühlungsborn bietet Thermalbecken, Saunalandschaft und Thalasso-Anwendungen. An Tagen, an denen der Ostseewind zu kräftig bläst, ist das eine gute Alternative zum Strand. Oder besser gesagt: eine Ergänzung. Vormittags Strandspaziergang, nachmittags Sauna. So lässt sich ein Tag füllen, ohne dass es langweilig wird.
Was kostet das Leben in Kühlungsborn wirklich?
Jetzt mal Klartext. Kühlungsborn ist kein Schnäppchen. Das Ostseebad ist deutlich teurer als Neubrandenburg oder Waren an der Müritz, das muss man wissen. Wer direkte Meereslage und Bäderarchitektur will, zahlt dafür. Logisch, oder?
Eigentumswohnungen in den sanierten Bäderarchitektur-Villen kosten etwa 3.000 bis 5.000 Euro pro Quadratmeter. Neubauten liegen bei 3.500 bis 6.000 Euro pro Quadratmeter. Eine 80-Quadratmeter-Wohnung in einer weißen Villa kostet also 240.000 bis 400.000 Euro. Das muss man erstmal schlucken.
Aber jetzt der Vergleich, und der lohnt sich: Kühlungsborn liegt 30 bis 50 Prozent unter vergleichbaren Westküsten-Orten. Timmendorfer Strand, Scharbeutz oder gar Sylt…da reden wir über ganz andere Dimensionen. Für den Preis einer Einzimmerwohnung auf Sylt bekommst du in Kühlungsborn eine großzügige Dreizimmerwohnung mit Meerblick. Ich hab verglichen. Mehrfach.
Mietwohnungen liegen bei etwa 8 bis 12 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete. Der Mietmarkt ist allerdings eng, und das ist das ehrliche Problem: Viele Wohnungen werden als Ferienwohnungen vermietet, was das Angebot für Dauermieter einschränkt. Wer hierher ziehen will, sollte Geduld mitbringen. Oder kaufen, wenn es finanziell möglich ist.
Was heißt das für den Alltag? Kühlungsborn ist kein Ort, an dem du mit einer kleinen Rente im Luxus schwelgst. Aber es ist ein Ort, an dem du für dein Geld tatsächlich Meer, Heilklima, Kultur und eine wunderschöne Umgebung bekommst. In Schleswig-Holstein oder auf den Inseln zahlst du für das Gleiche erheblich mehr. Wer sich tiefer mit der Frage beschäftigt, was man in dieser Lebensphase wirklich braucht, findet hier vielleicht eine überraschend gute Antwort.
Was gibt es in Kühlungsborn zu essen?
Fischbrötchen. Nein, warte, ich fang nochmal an. Es gibt natürlich mehr als Fischbrötchen. Aber ich wäre unehrlich, wenn ich nicht zugeben würde, dass ein frisches Fischbrötchen am Hafen, mit Blick aufs Wasser, eigentlich schon ziemlich schwer zu toppen ist.
Die Küche an der mecklenburgischen Küste ist ehrlich und meeresverbunden. Räucherfisch von lokalen Fischern, Matjes, Bismarckhering, dazu frisch gebackenes Brot. Am Hafen und entlang der Promenade findest du die Fischbuden, die zum Küstenleben dazugehören wie der Sand zum Strand.
Was mich in Kühlungsborn besonders angesprochen hat: die Restaurants in den Bäderarchitektur-Villen. Da sitzt du in einem Wintergarten aus der Kaiserzeit, mit Stuck an der Decke und Meerblick durch hohe Fenster, und isst frisch zubereiteten Ostseefisch. Das hat Stil, ohne steif zu sein.
Typisch für die Region ist Sanddorn. Diese kleine orangefarbene Beere wächst überall an der Küste und taucht hier in Marmelade, Likör, Kuchen, Tee und sogar Senf auf. Muss man mögen, aber probieren sollte man es auf jeden Fall.
Und dann die Kaffee-und-Kuchen-Kultur. Mecklenburg-Vorpommern kann Kuchen. In den Cafés an der Promenade bekommst du selbstgebackene Torten, die man woanders „Patisserie“ nennen würde, hier aber einfach „Kuchen“ heißen. Nachmittags Kaffee mit Blick aufs Meer…naja, ich sag mal so: Es gibt Schlimmeres.
Ein vollständiges Abendessen mit Wein kostet hier übrigens spürbar weniger als in den Ostseebädern Schleswig-Holsteins. Auch das gehört zur Lebensqualität: Sich etwas gönnen können, ohne jedes Mal den Kontostand prüfen zu müssen.
Warum Kühlungsborn mehr ist als ein Urlaubsort
Viele kennen Kühlungsborn als Urlaubsziel. Ein paar Tage Strand, Fischbrötchen, Molli-Bahn, und dann wieder nach Hause. Und ja, als Urlaubsort ist Kühlungsborn richtig gut. Aber ich glaube, da steckt mehr.
Das Ostseebad hat etwas, das viele Urlaubsorte nicht haben: ein echtes Gemeinschaftsleben abseits der Saison. Im Winter wird es ruhiger, klar. Aber es wird nicht tot. Die Festspiele MV bringen Klassikkonzerte in den Ort, es gibt Hafenfeste und Strandkorbfeste im Sommer, den Konzertgarten für Abendveranstaltungen und einen Weihnachtsmarkt mit maritimem Flair, der wirklich Charme hat und nicht nur Glühwein verkauft. Silvester gibt es ein Feuerwerk über der Ostsee, und die Molli fährt auch im Winter.
Und dann ist da diese Mischung aus Natur und Nähe. Du hast das Meer vor der Tür. Den Gespensterwald als Halbtagesausflug. Den Kühlung-Höhenzug zum Wandern. Rostock mit Uniklinik, Theater und Einkaufsmöglichkeiten in 40 Minuten. Das ist kein abgelegenes Nest, das ist ein Ort mit Verbindung. Und wer im Winter mal rauskommen will: Die Müritz ist auch in der kalten Jahreszeit einen Besuch wert, und von Kühlungsborn aus brauchst du dorthin knapp zwei Stunden.
Falls du gerade darüber nachdenkst, wie du die kommenden Jahre gestalten willst, was dir in dieser Lebensphase wirklich wichtig ist, dann ist Kühlungsborn einen ernsthaften Blick wert. Nicht für jeden. Das wäre gelogen. Wer Großstadtkultur und Anonymität braucht, wird hier nicht glücklich. Aber wer Meer, Luft, Bewegung und Schönheit sucht, und das zu einem Preis, der nicht ruinös ist…der sollte zumindest mal hinfahren.
Und genau das würde ich empfehlen. Ein langes Wochenende. Die Promenade rauf und runter, einmal mit der Molli nach Bad Doberan, den Gespensterwald bei Nebel erleben, abends Fisch in einer der weißen Villen. Danach weißt du, ob das was für dich ist.
Unterkünfte in Kühlungsborn* findest du ab etwa 65 Euro pro Nacht. In der Nebensaison oft günstiger, und ehrlich gesagt hat Kühlungsborn auch im November oder März seinen Reiz. Manchmal sogar mehr als im Hochsommer, wenn die Promenade voll ist.
Im nächsten Teil der Serie geht es nach Warnemünde – der Ostsee-Stadtteil von Rostock, der beides vereint: Großstadtnähe und Strandleben. Wer die vorherigen Teile nachlesen möchte: Teil 1 über Neubrandenburg und Teil 2 über Waren an der Müritz zeigen, wie vielfältig die Region ist. Und wer die Seenplatte im Winter erleben will, findet in meinem Winterbericht von der Müritz eine gute Einstimmung.
Genieß dein Leben. Du hast nur eins.
Marlis


